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Soziale Verantwortung

„Musik für Mensch und Umwelt“

Photo: Danny Jungslund

Milky Chance ist eine international erfolgreiche Band, die erkannt hat, welche Auswirkungen die Musikbranche auf die Umwelt und den Klimawandel hat. Mit dem Ziel, der Klimaneutralität so nah wie möglich zu kommen und ihren CO2-Abdruck zu senken, gestalten sie ihre Arbeit nun Stück für Stück nachhaltiger und umweltbewusster. Im Interview erzählen sie, welche Veränderungen sie bereits vorgenommen haben und wie ihre Zukunftspläne aussehen.

Als Band unterstützt ihr soziale Projekte, wie zum Beispiel Viva con Agua, doch was genau bedeutet für euch soziale Verantwortung?

Wir alle sind Teil einer Gesellschaft, die nur gut funktionieren kann, wenn wir solidarisch miteinander leben und füreinander einstehen. Soziale Verantwortung zu übernehmen, heißt für uns als Band, Sprachrohr zu sein. Reichweite schafft Verantwortung. Deshalb empfinden wir es als Notwendigkeit, Organisationen wie z. B. Viva con Agua oder SOS Mediterranée in ihrer Arbeit zu unterstützen und ihnen Gehör zu verschaffen.


Milky Chance in Lissabon zum Start der „tickets for trees“ Initiative, „Mind the Moon“-Tour 2020
Photo: Anthony Molina

Ihr engagiert euch für mehr Nachhaltigkeit in der Musikbranche – zwei Sachen, die nicht häufig in einem Satz fallen. Wie passt das zusammen und inwiefern setzt ihr das bereits bei euch um? Welche Änderungen habt ihr vorgenommen und was steht bei euch noch auf dem Plan?

Wir finden, dass das eigentlich ziemlich gut zusammenpasst. Wir stecken doch alle im Zwiespalt, wenn es um Nachhaltigkeit geht, egal ob als Individuum oder als Gesellschaft. Keine Branche ist bisher 100 Prozent nachhaltig, aber alle sollten darauf hinarbeiten es zumindest annähernd zu werden, dazu gehört natürlich auch die Musikindustrie. Es ist klar, dass wir nicht so weitermachen können wie bisher, etwas muss sich endlich ändern. Wir glauben, dass die Musikbranche dabei ein Vorreiter und Teil der Lösung sein kann – und muss. Der allererste Schritt war für uns, die Klimakrise auch als solche zu benennen und zum Thema z. B. in Interviews zu machen. Wir haben dann versucht, unseren eigenen Negativbeitrag zu verstehen, also, wie groß ist eigentlich der Fußabdruck, den wir als Band hinterlassen? Dazu haben wir uns Hilfe geholt und unsere Nachhaltigkeitsmanagerin an Bord geholt. Wir waren uns außerdem direkt einig, dass wir unseren Prozess so transparent wie möglich auf unserem Blog teilen wollen, damit andere davon profitieren können. So richtig konkret wurde es dann z. B. mit der Umsetzung von Secondhand-Merchandise, wo wir unseren Fans angeboten haben, ihre alten Shirts vor Ort bei den Konzerten per Siebdruck bedrucken zu lassen. Ein großer Teil der CO2-Bilanz eines Konzerts entsteht aus der Anreise der Fans, weshalb wir als Kompensation unsere Tickets-for-Trees-Initiative gestartet haben, indem wir für Milky Chance in Lissabon zum Start der „tickets for trees“ Initiative, „Mind the Moon“-Tour 2020 jeden Konzertbesucher einen Setzling in einem Aufforstungsprojekt finanzieren. Wir sind außerdem vom Konzept „Think globally – act locally“ überzeugt, weshalb gerade die Unterstützung von lokalen Organisationen für uns wichtig ist. Auf der „Mind the Moon“-Tour durch Europa im Frühjahr haben wir mit verschiedenen kleinen NGOs Aktionen geplant und z. B. einen Nachmittag lang mit den Trash Heroes in Zürich Müll gesammelt. Die Tour selbst nachhaltiger zu gestalten, ist natürlich auch Teil davon. Unsere Lichtshow besteht z. B. ausschließlich aus energiesparenden LEDs und wir schicken mittlerweile unseren Green Rider vorab an die Veranstalter, in dem wir z. B. um das Aufstellen von Wasserspendern bitten oder auf die Nutzung von Ökostrom hinweisen usw. Wir sind trotzdem noch ziemlich am Anfang unseres Prozesses und haben auch schon einige Rückschläge einstecken müssen, bleiben aber dran und haben schon einen Haufen an Ideen, die wir noch umsetzen wollen.

Wie sind eure Insider-Erfahrungen, was das Nachhaltig- keitsbewusstsein bei Musikern und Veranstaltern betrifft? Ist das unter Branchenkollegen ein häufiges und verbreitetes Thema oder habt ihr vielleicht sogar schon einmal nachteilige Erfahrungen gemacht, was das Booking betrifft?

Zumindest in unserem engeren Kreis haben wir das Gefühl, dass das Bewusstsein für das Thema da ist und auch schon einige coole Projekte umgesetzt werden. Vor allem bei Festivals gibt es ja schon einige tolle Beispiele, wie einfach die CO2- Bilanz drastisch gesenkt werden kann. Gerade im Gespräch mit anderen Künstler(inne)n haben wir gemerkt, dass man sich gerne gegenseitig hilft und Erfahrungen miteinander austauscht. Benachteiligung beim Booking haben wir bisher nicht erlebt.

Photo: Danny Jungslund

Bereiche wie Touring und Veranstaltung müssen ganz neu gedacht werden. Auch ihr seid berufsbedingt viel unterwegs. Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, auf Übersee-Konzerte und das Fliegen zu verzichten, um eine bessere Ökobilanz zu erzielen?

Klar haben wir darüber nachgedacht, ob es nicht am sinnvollsten wäre, ganz aufs Touren oder zumindest das Fliegen zu verzichten. Nun leben unsere Fans aber auf der ganzen Welt, und darauf zu verzichten unsere Musik live mit ihnen zu teilen, ist für uns undenkbar. Wir beschäftigen uns mit dem Thema Nachhaltigkeit ja mit dem Ziel, weiterhin die Möglichkeit zu haben, Konzerte zu spielen und das zu tun, was wir lieben. Eine nachhaltige Musikbranche muss nicht zwingend von großflächigem Verzicht geprägt sein. Es gibt viele Wege, die Ökobilanz einer Tour zu verbessern, ohne auf internationale Touren gänzlich zu verzichten, z. B. durch effiziente Routenplanung oder „Slow Tourism“. Sobald man sich näher mit dem Thema beschäftigt, wird außerdem schnell klar, dass es z. B. sehr viel schädlicher wäre, wenn man die Fans dazu drängen würde, zu uns zu reisen anstatt andersrum.

Wie sieht es mit eurer Merchandise-Produktion aus? Woher kommen eure Sachen, woraus werden sie hergestellt und von wem sind sie gemacht?

Neben unserem Secondhand-Merchandise-Projekt haben wir uns dazu entschlossen, für unsere Europa-Tour 2020 eine reduzierte Auswahl an Merch-Artikeln herstellen zu lassen, zwei Shirts, Hoodie und eine Wasserflasche. Die Textilien wurden aus GOTS- und Öko-Tex-zertifizierter Biobaumwolle, vegan und fair hier in Europa produziert. Wir haben außerdem einen Teil der Einnahmen an gute Zwecke wie Viva con Agua gespendet. Wir mussten uns allerdings leider sehr ärgern, als die Shirts dann einzeln in Plastik verpackt bei uns ankamen, aber auch solche Rückschläge gehören eben zum Lernprozess dazu. Nächstes Mal stellen wir sicher, dass auf so was komplett verzichtet wird.

Welche Verantwortung trägt die Musikbranche und welchen Beitrag kann diese eurer Meinung nach leisten, um nachhaltiger zu werden?

Die Musikbranche hat unserer Meinung nach eine besondere Rolle, weil sie zum einen großes Gehör bekommt und es zum anderen schafft, Themen emotional zu transportieren. Musik ist immer schon Teil von sozialen Bewegungen gewesen. Das ist nichts Neues. Genauso wenig wie die Klimakrise ein neues Thema ist. Die Dringlichkeit und Dimension dieser Krise war jedoch nie so groß wie jetzt, weshalb wir auch die Musikbranche – so wie alle Industrien – in der Verantwortung sehen, jede Möglichkeit zu nutzen, diese Krise nicht komplett eskalieren zu lassen.

Wer ist für euch ein Vorbild im Bereich Nachhaltigkeit?

Vor allem unser nahes Umfeld, Familie und Freunde inspirieren uns dazu, nachhaltiger zu leben. Es motiviert auch zu sehen, wie viel sich schon verändert hat. Im Großen und Ganzen ist aber die Bewegung an sich unser Vorbild, mit allem, was dazugehört, seien es „Fridays for Future“-Demonstrationen mit Tausenden Teilnehmern oder sei es zu sehen, wie das Thema auch in der Weltpolitik langsam ankommt.


Second-hand Merchandise durch Siebdruckverfahren, „Mind the Moon“- Europa-Tour 2020
Photo: Anthony Molina

Wie steht ihr zu dem Gedanken, mit der Produktion von CDs und Platten aufzuhören und alles komplett auf digitale Wege umzustellen und anzubieten?

Das ist sowieso die Zukunft, aber es steht auch gar nicht fest, dass die digitale Umstellung unbedingt so viel klimafreundlicher ist. Die Energie zum Betreiben von Servern oder die Herstellung von Smartphones sind auch ressourcenintensiv. Wir fragen uns, ob eine nachhaltig hergestellte Platte vielleicht sogar klimafreundlicher wäre, als ein Album etliche Male zu streamen. Das wäre doch mal ein interessantes Thema für eine Studie.

Die Corona-Krise macht auch vor der Musikbranche nicht halt. Viele Ländergrenzen sind geschlossen, Veranstaltungen und Reisen untersagt. Stattdessen gibt es Angebote für digitale Live-Konzerte. Wie habt ihr diese Veränderungen erlebt und könnt ihr eventuell positive Dinge aus dieser Zeit beibehalten? Seht ihr vielleicht sogar neue Möglichkeiten für mehr Nachhaltigkeit dadurch?

Als Band wünschen wir uns nichts mehr zurück, als wieder auf die Bühne gehen und live spielen zu dürfen. Für uns sind Streaming-Konzerte keine Dauerlösung, sondern die Begegnung auf Konzerten und Festivals ist von unschätzbarem Wert für Kunst und Kultur.
Zu Beginn der Pandemie hatten wir noch größere Hoffnungen, dass diese Krise zumindest eine Chance für die Debatte um das Klima sein könnte. Mittlerweile müssen wir aber zugeben, etwas ernüchtert von den Entwicklungen zu sein. Wir sind auch enttäuscht darüber, wie wenig Wert auf die Veranstaltungsbranche und die die in ihr tätig sind, gelegt wird. Wir würden uns z. B. wünschen, dass Unternehmen nur dann vom Staat gerettet werden, wenn sie sich z. B. Auflagen einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung verschreiben. Die Corona-Krise scheint leider nicht das große Wachrütteln bewirkt zu haben, welches wir für die Klimakrise dringend brauchen. Immerhin haben wir aber nun die Gewissheit, dass sich Dinge ändern können, wenn es zwingend erforderlich ist.

Milky Chance

bei einer Cleanup- Aktion mit den Trash Heroes in Prag, „Mind the Moon“- Europa-Tour 2020

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