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NACHHALTIG BAUEN UND WOHNEN

„Wir warten nicht auf die Politik“

Foto: pisaphotography via Shutterstock

Nachhaltiges Bauen beginnt bei der Produktion und mündet in flexibel nutzbaren Gebäuden. Dafür ist die Stahlbaubranche bestens gerüstet, sagt Dr. Rolf Heddrich, Geschäftsführer bei bauforumstahl e. V.

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Dr. Rolf Heddrich 

Geschäftsführer bauforumstahl e.V.

Herr Dr. Heddrich, die Forderung, nachhaltig zu bauen, wird immer lauter. Fühlt sich die Stahlbauindustrie hiervon in die Enge gedrängt?

Das Gegenteil ist der Fall. Grundvoraussetzung für nachhaltiges Bauen ist der vernünftige Umgang mit Ressourcen. Dem wird Stahl wie kaum ein anderer Werkstoff gerecht. Nur etwa 15 Prozent des Baustahls kommen über den Rohstoff Eisenerz neu in den Produktkreislauf. Die restlichen 85 Prozent werden über den Weg „vom Schrott zum Stahl“ hergestellt. Dieser industrielle Kreislauf kann ohne Qualitätsverlust unendlich fortgesetzt werden, benötigt wird hauptsächlich elektrische Energie.

Wollen Sie damit sagen, dass Baustahl mit Erreichen der Ziele von Fridays for Future CO2-neutral produziert werden kann?

Richtig. Wenn Stahl aus Schrott mithilfe erneuerbarer Energien hergestellt werden kann, produzieren wir praktisch CO2-neutral. Konsequent zu Ende gedacht, müssten wir als Verband fordern, dass nur noch in Stahl gebaut wird. Ich als Ingenieur bin mir aber bewusst, dass Nachhaltigkeit auch bedeutet, Produkte so einzusetzen, wie es sinnvoll ist. Jeder Baustoff hat seine Stärken. 

Ist Nachhaltigkeit eine Stärke des Stahlbaus?

Ganz klares Ja! Denn Nachhaltigkeit betrifft nicht nur die Produktion, sondern auch die Baustellen. Aktuelle Studien belegen, dass deutlich weniger Lkw-Transporte notwendig sind, um ein leichtes Stahltragwerk an Ort und Stelle zu transportieren, als bei einem Bauwerk aus Beton. Dies bringt nicht nur eine deutliche Entlastung für den Verkehr, sondern schont auch die Kassen der Bauherren. Diese Rechnung geht natürlich nur auf, wenn der Stahl aus Europa stammt.

Wir wollen nicht nur CO2-frei produzieren, sondern Teil der Lösung sein.

Öffentliche Bauaufträge werden nicht selten an chinesische Baufirmen vergeben. Sehen Sie die Nachhaltigkeit an dieser Stelle gefährdet?

Der Welthandel ist eine gute Sache, aber Nachhaltigkeit betrifft natürlich nicht nur ökologische und ökonomische Aspekte, sondern auch soziale. Wir pflegen in der europäischen Bauindustrie strenge Arbeitssicherheits- und Prüfstandards. Wie dies in außereuropäischen Ländern gehandhabt wird, lässt sich kaum überprüfen. So kann aus einem vermeintlich preiswerten Angebot ein langwieriges und teures Projekt werden.

Was muss sich Ihrer Ansicht nach in den Köpfen verändern?

Wir müssen weg von einer kurzfristig gedachten Preispolitik zugunsten einer ganzheitlichen Betrachtung von Bauprojekten. Nachhaltigkeitsaspekte sollten bereits bei Ausschreibung und Vergabe berücksichtigt werden. Das betrifft die Anforderungen an die Umweltverträglichkeit von Bauprodukten ebenso wie emissionsarme Transportwege, Langlebigkeit, Instandhaltungsfreundlichkeit sowie wiederkehrendes Recycling.

Was kann der Stahlbau, was andere nicht können?

Nehmen wir das Beispiel Stahl- und Stahlverbundbrücken. Sie bieten den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer hohen Transparenz stetig überprüft und ohne großen Aufwand aufgerüstet werden können. Kurzfristig betrachtet mag der Kostenaufwand für ein Stahlbauprojekt größer sein als für eine Brücke aus Beton. Aber es ist unser aller Verpflichtung, jetzt an die zukünftigen Generationen zu denken.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir wollen nicht nur CO2-frei produzieren, sondern Teil der Lösung sein. Eines unserer Mitgliedsunternehmen ist gerade dabei, eine Strategie zu entwickeln, um auch bei der Stahlherstellung aus Eisenerz fossile Brennstoffe zu vermeiden. Wenn sich dieses Verfahren durchsetzt, sind wir bereits CO2-neutral, während die Politik noch über sinnvolle Maßnahmen diskutiert.

Grafik: bauforumstahl, Fotos: © Lentz (Erzabbau), © Ïelezárny (Hochofen), wulf & partner, Freie Architekten © Halbe (Parkhaus Neue Messe Stuttgart), © Wolf (Rückbau), © Salzgitter AG (Stahlschrott)

INFORMATION

Erfahren Sie mehr über die Arbeit des bauforumstahl e. V. unter www.bauforumstahl.de

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