
Dr. Annette Kehnel
Historikerin für Zukunftsfragen
Homo sapiens hat fünf Kontinente besiedelt. Lag das daran, dass er ein besonderes Talent für Quartalszahlen und Kurzfristdenken mitbrachte? Das Gegenteil ist der Fall: Vorausschauendes Handeln war unser Erfolgsgeheimnis – seit 300.000 Jahren. Wer nicht weiterdachte als bis zur nächsten Mahlzeit, hat die nächste Eiszeit nicht überlebt. Nachhaltigkeit, also die Fähigkeit zu langfristigem Planen, Entscheiden und Handeln ist also keine Zusatzkompetenz, die wir uns mühsam in Seminaren mit Namen wie „Nachhaltigkeitstransformation 4.0″ wieder antrainieren müssten. Es zählt zu den ältesten Fähigkeiten, die wir haben.
Wem das nicht einleuchten mag, mache einmal Urlaub in Andermatt am Gotthardpass. Das Walserdorf im Urserental wurde im frühen 13. Jahrhundert gegründet. Als es im späteren Mittelalter, mit der sogenannten Kleinen Eiszeit, unwirtlicher wurde, häuften sich die Lawinen. Was tun, wenn die Gefahr jedes Jahr wiederkehrt? Manche zogen weiter. Andere blieben – und handelten. Sie wussten: Nach der Lawine ist vor der Lawine. Verhindern lässt sie sich nicht. Bremsen schon.
Also stellten sie 1397 den Wald am Hang über dem Dorf per Bannbrief unter Schutz. Kein Baum durfte gefällt werden, kein Brennholz durfte geholt werden, ja nicht einmal Tannenzapfen durfte man sammeln – weder bei Tag noch bei Nacht. Was nach kleinlicher Förstervorschrift klingt, war das, was wir heute präzises Systemwissen nennen: Totholz stabilisiert den Boden, Zapfen enthalten die Samen der nächsten Baumgeneration. Ein Sammelverbot sichert nicht nur den Wald von heute, sondern auch den von übermorgen. Andermatt war damit kein Einzelfall: Aus zahlreichen Alpengemeinden sind solche Bannbriefe erhalten – ein ganzes Netz vormoderner Umweltverträge, lange bevor es das Wort dafür gab.
Bemerkenswert an diesem Bannbrief ist ein weiteres Detail: Es handelt sich nicht um eine Verordnung von oben, sondern um das Ergebnis langer Beratungen der Talgenossen. Expertise vor Ort, die historisches Erfahrungswissen nutzte und daraus Zukunftshandeln ableitete. Die Talgenossenschaft tritt als Unterzeichnerin der Urkunde auf – kein Fürst, kein Kloster, keine Obrigkeit. Offenbar wog für sie der langfristige Nutzen schwerer als der kurzfristige Profit. Das Projekt war außerordentlich erfolgreich – und mehr als das: Das Wissen um die Unantastbarkeit des Waldes wurde weitergegeben, von Generation zu Generation. Regelmäßig wurde der Bannbrief erneuert, teilweise auch angepasst. Der Wald war heilig! Und wer sich an ihm verging, den straften die Waldgeister. Das wusste jedes Kind im Tal! Wie tief dieses Wissen saß, zeigt sich fast 400 Jahre später: Als zur Zeit Napoleons französische Truppen Andermatt belagerten, fingen sie an, Bäume zu fällen – sie brauchten Brennholz für ihr Lager. Es gibt ergreifende Berichte darüber, wie sie von den Andermattern auf Knien angefleht wurden, den Wald nicht anzurühren!
Hier zeigt sich, wie fest das Tabu von der Unantastbarkeit des Waldes im kulturellen Gedächtnis der Talgenossenschaft eingeschrieben war. Immerhin konnte ein Teil des Waldes gerettet werden und sich regenerieren. Er steht bis heute, seit sechshundert Jahren. Und mit ihm das Dorf.
Die Frage, wie wir leben wollen, stellt uns vor große Herausforderungen. Es braucht neue Technologien, Erfindungen, Innovationspreise, KI-unterstützte Lösungen für komplexe Herausforderungen.
Natürlich konnte der Bannwald keine absolute Sicherheit garantieren. Lawinen gab es immer, der Hang blieb ein Hang, das Klima blieb unberechenbar. Aber das Ausmaß der Zerstörung konnte gemildert werden. Was sich wie ein bescheidenes Versprechen anhört, ist in Wahrheit eine Aufforderung zum Handeln. Die Talgenossen hatten nie vor, die Welt zu retten, aber sie trauten sich zu, Maßnahmen zum langfristigen Erhalt ihrer Gemeinschaft zu ergreifen. Im Heute. Im Hier und Jetzt. Mit Blick auf die Zukunft nachfolgender Generationen.
Man könnte einwenden, das sei doch keine Kunst gewesen: eine überschaubare Dorfgemeinschaft, eine Gefahr direkt vor der Haustür, jederzeit sichtbar am Hang. Kein Vergleich zu Klimawandel oder Artensterben, deren Wirkung sich über Jahrzehnte und über Kontinente verteilt. Das stimmt – und ist zugleich kein Freibrief. Auch den Talgenossen hätte die bequemere Option offengestanden: weiter roden, das Risiko auf später verschieben, auf Glück hoffen. Sie haben sich dagegen entschieden. Nicht aus Altruismus, sondern aus einer nüchternen Rechnung heraus: Wer im Tal leben will, muss auch übermorgen dort leben können.
Das ist mehr als eine hübsche Anekdote aus grauer Vorzeit. Es ist die Erinnerung daran, dass die Fähigkeit, weiter zu denken als bis zum nächsten Quartal, in uns steckt – und nicht neu erfunden werden muss. Bergbauern ohne Universitätsabschluss haben sie mit einem Brief und gesundem Menschenverstand unter Beweis gestellt, sechshundert Jahre, bevor jemand das Wort Nachhaltigkeitsstrategie erfunden hat. Die Frage, wie wir leben wollen, stellt uns vor große Herausforderungen. Es braucht neue Technologien, Erfindungen, Innovationspreise, KI-unterstützte Lösungen für komplexe Herausforderungen. Ich denke, bei all dem hilft die Erinnerung daran, was wir schon können – sie stärkt den Mut, es wieder zu tun, bevor die nächste Lawine kommt.
BUCHTIPP:
„Der Phoenix-Effekt“
Wie Gesellschaften Krisen bewältigt haben und
was wir heute daraus lernen können
Was, wenn die Krise längst da und das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? Haben wir dann noch eine Chance? Die Geschichte zeigt: Ja! Immer wieder standen Menschen vor Katastrophen – selbst verschuldet oder über sie hereingebrochen – und fanden doch Wege, damit umzugehen. Oft sogar überraschend kreative.
Die Historikerin Annette Kehnel erzählt von solchen Momenten: von holländischen Ingenieuren, die mit Windenergie das goldene Zeitalter der Niederlande antrieben, von der Wiederaufforstung der maroden Elbwälder durch Großinvestitionen eines Hamburger Kaufmanns, von der Abwasserkrise in London, dem «Great Stink», oder davon, wie es gelang, mit dem Montrealer Protokoll ein universell ratifiziertes Umweltabkommen zum Schutz der Ozonschicht umzusetzen. Ihre Beispiele zeigen: Unter extremem Druck können Gesellschaften umdenken und Lösungen finden, von denen wir bis heute profitieren.
Die Lehre aus der Geschichte: Aus Trümmern kann Neues wachsen. Nicht von selbst, aber durch Menschen, die handeln. Frei nach dem Motto: «Never let a good crisis go to waste!»
Verlag: Rowohlt Hardcover
Erscheinungstermin: 06.10.2026
ISBN: 978-3-498-00963-2



