Der Klimawandel ist keine Zukunftsprognose mehr, sondern längst Realität. Im Gespräch erklärt Diplom-Meteorologe, ARD-Wettermann und Autor Sven Plöger, wie sich Extremwetter, Wassermangel und steigende Temperaturen verändern – und warum wir trotz aller Herausforderungen nicht den Mut verlieren sollten.
Die Folgen des Klimawandels treffen Mensch und Umwelt gleichermaßen. Welche Auswirkungen bereiten Ihnen mit Blick auf die Zukunft die größten Sorgen und welche sind bereits heute für uns spürbar?
Wir merken längst, was draußen passiert. Das ist Physik – und damit Realität, unabhängig davon, welche Meinung wir dazu haben oder was wir uns wünschen. Durch die zusätzliche Energie, die wir in das Klimasystem einbringen, erwärmt sich der Planet – in verschiedenen Regionen unterschiedlich. Das verändert Luftströmungen und damit auch das Wetter. Extreme Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, schwere Gewitter und Waldbrände in bislang ungekanntem Ausmaß sind längst spürbar.
Besonders die zunehmende Hitze bereitet mir Sorgen. Sie ist das lebensgefährlichste Unwetter, das wir kennen. Die furchtbare Zahl von durch Hitze im Sommer 2026 Verstorbenen zeigt das. Aber Hitze wird häufig unterschätzt, weil sie sich medial schwer bebildern lässt. Machen Sie mal ein Foto von einer Stadt in einer Hitzewelle, das sieht aus, als hätten Sie „schönes Wetter“ fotografiert!
Auch der zunehmende Wassermangel wird zu einem zentralen Problem. Wir sehen bereits heute Regionen, in denen Wasser knapp wird. Tragisch ist, dass wir diese Veränderungen sehen und wissenschaftlich seit Jahrzehnten vorhergesagt bekommen – und trotzdem nicht ausreichend darauf reagieren. Wir sind leider kognitiv dissonant: Seit Jahrzehnten sagen wir, dass die Emissionen sinken müssen, gleichzeitig erreichen die Treibhausgasemissionen immer neue Rekordwerte.

Werden Hitzewellen und neue Temperaturrekorde in Deutschland künftig zur Normalität, und wie gut sind wir als Gesellschaft und Kommunen auf diese Entwicklung vorbereitet?
Hitzewellen werden zur neuen Normalität. Wenn wir am Ende dieses Jahrhunderts auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken, wird der Sommer 2026 wahrscheinlich zu den kühlsten dieses Jahrhunderts gehören. Das macht deutlich, wie dringend wir handeln müssen – sprich, an den Stellschrauben drehen, die wir längst kennen! Dabei geht es um zwei Dinge: Wir müssen den Klimawandel bremsen und uns gleichzeitig an die Veränderungen anpassen, die bereits nicht mehr zu verhindern sind.
Das bedeutet beispielsweise Kühlräume und Klimaanlagen, aber auch eine Energieversorgung, die nicht noch mehr fossile Emissionen verursacht. Gebäude müssen so gestaltet werden, dass sie sich möglichst wenig aufheizen. Städte brauchen Luftkorridore, mehr Grünflächen und Wasserflächen sowie Konzepte wie die Schwammstadt, um Wasser zurückzuhalten.

Auch beim Thema Waldbrände müssen wir uns besser vorbereiten – etwa durch entsprechend ausgestatteter Feuerwehren. Und wir müssen beim Pflanzen und Anbauen stärker darauf achten, welche Arten mit den zukünftigen klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Wir brauchen also nicht nur Klimaschutz, sondern eine deutlich schnellere und intelligentere Anpassung. Wir dürfen aber einen Fehler nicht machen: Glauben, dass es mit Anpassung alleine geht, ohne auf die Ursachen zu schauen. Das Ergebnis würden Kosten sein, die selbst alle Volkswirtschaften dieser Welt zusammen bald nicht mehr aufbringen können!
Wir befinden uns in einem El Niño-Jahr, oft ist in den Medien die Rede von einem „Super“ El Niño. Welche Auswirkungen hat ein besonders starker oder langanhaltender El Niño weltweit?
„Super El Niño“ ist tatsächlich ein typisch medialer Begriff. Wissenschaftlich sprechen wir von El Niño, einer natürlichen Klimaschwankung, bei der sich im Pazifik ungewöhnlich warmes Oberflächenwasser ausbreitet. Dieser El Niño wird laut Weltmeteorologieorganisation (WMO) seinen Höhepunkt Ende des Jahres erreichen und er ist deshalb so intensiv, weil die Meeresoberflächentemperaturen durch den Klimawandel bereits vor seinem Beginn sehr hoch waren. El Niño verändert die atmosphärische Zirkulation und damit das Wetter in verschiedenen Regionen der Welt. El Niño-Jahre gehören global häufig zu den besonders warmen Jahren. Typischerweise werden etwa Teile Süd- und Mittelamerikas feuchter, während es beispielsweise in Indonesien trockener wird. Für Deutschland und Mitteleuropa gibt es dagegen nahezu keine Korrelation. Dass El Niño hier automatisch für bestimmte Unwetter verantwortlich ist, lässt sich daher nicht feststellen. Spannend ist die Frage, ob die globale Erwärmung langfristig einen permanenten El-Niño-Zustand begünstigen könnte. Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft, sie ist derzeit aber noch völlig unbeantwortet.
Inwiefern verschärfen Phänomene wie El Niño die globale Ernährungssicherheit, und welche Regionen sind besonders betroffen?
Extreme wie langanhaltende Dürren und Hitze oder starke Niederschläge können die Landwirtschaft massiv beeinträchtigen. Wenn Böden austrocknen oder große landwirtschaftliche Flächen überflutet werden, kann dort entsprechend weniger angebaut werden.
Welche Rolle spielt der Klimawandel selbst, unabhängig von solchen Wetterphänomenen, für die Ernährungssicherheit?
Mit dem Klimawandel verschieben sich die Klimazonen. Flora, Fauna, Landwirtschaft und wir als Gesellschaft müssen uns an die veränderten Bedingungen anpassen. Die Krux: Die Erwärmung des Planeten läuft viel schneller ab als bei natürlichen Klimaschwankungen und entsprechend schwerer ist die Anpassung natürlich. Besondere Bedeutung hat unser Lebenselixier Wasser und dabei die Gletscher als natürliche Wasserspeicher, die Wasser zeitversetzt abgeben können. Wenn sie verschwinden, fehlt diese natürliche Reserve. Das hat Folgen für Landwirtschaft, Energieversorgung und auch den Güterverkehr, wenn Flüsse wie der Rhein zu wenig Wasser führen.

Wie können Wissenschaft und Medien gemeinsam dazu beitragen, die Risiken des Klimawandels verständlich, faktenbasiert und lösungsorientiert zu kommunizieren, ohne die Menschen zu überfordern oder zu entmutigen? Wo sehen Sie Defizite in der Berichterstattung und was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft?
Ich wünsche mir eine sachbezogene Berichterstattung, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich übersetzt und in spannenden Geschichten vermittelt. Medien sollten nicht missionieren oder belehren, sondern Zusammenhänge erklären und den Menschen ermöglichen, sich eine fundierte Haltung zu bilden. Dabei sollten wir nicht ausschließlich auf negative Entwicklungen schauen. Menschen brauchen Geschichten, die zeigen, was bereits funktioniert und welche Lösungen möglich sind. Wenn wir ständig vermitteln, dass das Problem ohnehin nicht mehr zu lösen ist, entsteht schnell eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Gleichzeitig sollten sich Medien nicht von Klimaforschungsleugnern oder Populisten treiben lassen. Statt immer wieder provokante oder falsche Behauptungen aufzugreifen und sich dann zum x-ten Mal gegen den stets gleichen Unfug zu verteidigen, sollten sie selbst die relevanten Themen setzen, wissenschaftlich einordnen und Zusammenhänge erklären – ohne Alarmismus, aber auch ohne Verharmlosung. Solange wir die Stellschrauben kennen, mit denen wir die schlimmsten Folgen des Klimawandels begrenzen können, sollten wir auch Hoffnung vermitteln. Gute Geschichten und gezielt eingesetzter Humor können dabei helfen, ein ernstes Thema zugänglich zu machen und Menschen für Veränderungen zu interessieren.
Was kann jede und jeder Einzelne aktiv im Alltag tun, um zum Klimaschutz beizutragen?
Ich halte wenig von pauschalen Ratschlägen, denn Menschen haben völlig unterschiedliche Lebenssituationen und Handlungsmöglichkeiten. Deshalb würde ich zunächst zwei Dinge aufschreiben: Was ist mir persönlich wichtig? Und an welchen Stellen bin ich bereit, etwas in meinem Leben zu verändern? Wenn man das mit dem Klimathema verbindet, entstehen viel individuellere und realistischere Handlungsmöglichkeiten. Dabei müssen Veränderungen nicht perfekt sein. Wir neigen in Deutschland dazu zu sagen: Wenn wir etwas verändern, muss es sofort perfekt sein. Ich sehe das anders. Jeder noch so kleine Schritt kann ein Anfang sein. Man kann darüber sprechen, andere inspirieren und gemeinsam Veränderungen ausprobieren. Entscheidend ist, dass wir aufhören, nur zu erklären, warum etwas nicht funktioniert, und stattdessen mehr darüber sprechen, was möglich ist.
Der Einzelne wird die Welt nicht allein retten – genauso wenig Politik oder Wirtschaft alleine. Wir brauchen das Zusammenspiel aller. Und dafür ist Wissen das Fundament. Je besser eine Gesellschaft die Zusammenhänge beim Klimawandel versteht, desto resilienter ist sie gegenüber Desinformation. Unwissen macht uns anfällig. Deshalb müssen wir dieses Fundament stärken – durch Bildung, verständliche Kommunikation und die Bereitschaft, uns mit den Fakten auseinanderzusetzen.
BUCHTIPP
Zieht euch warm an, es wird noch heißer!
Die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021, das Dürrejahr 2022 mit Wasserknappheit, massiven Waldbränden und Hitzewellen – UN-Generalsekretär António Guterres sagt: „Wir sind auf dem Highway in die Klimahölle.“ Doch was tun die meisten Regierungen und viele von uns privat? Wenig bis nichts, lieber erstmal abwarten! Statt Probleme anzupacken und die noch verbleibende Zeit zu nutzen, reden wir uns lieber die Welt schön. Helfen wird das niemandem, denn die Natur ist für unsere Wünsche taub, in ihr finden schlicht physikalische Prozesse statt. In diesem Buch geht es darum, diese zu verstehen und dann zu schauen, wie wir eine nachhaltigere und gerechtere Welt für unsere Kinder und Enkel schaffen können. Wo müssen wir uns verändern und wo können uns technische Lösungen helfen? Und wie können wir besser kommunizieren, um wieder zu mehr Miteinander zu kommen? Alles beginnt – wie immer – mit der Haltung im Kopf …
Drei Jahre nach Erscheinen des Platz-1-Spiegel-Bestsellers legen Sven Plöger und Andreas Schlumberger eine komplett überarbeitete und erweiterte Neuausgabe vor, mit Extrakapiteln zu den Themen Wasserstoff, Kernfusion sowie der Entfernung, Speicherung und Nutzung von Kohlenstoff aus der Atmosphäre.

Zieht euch warm an, es wird heiß (ISBN: 9783864892868)
Zieht euch warm an, es wird noch heißer (ISBN: 9783864894091)
Quelle: Westend Verlag
TV-Tipp
“Wie extrem wird das Wetter, Sven Plöger? – Klima-Hotspot Mittelmeer“ jetzt in der ARD Mediathek ansehen.
Die Dokumentation verbindet eindrucksvolle Bilder mit aktueller Klimaforschung. Sie zeigt, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam nach Lösungen suchen und wie Menschen vor Ort mit den Folgen des Klimawandels umgehen. Sie ist eine Produktion der Gruppe 5 Filmproduktion im Auftrag von HR, SWR und MDR für die ARD.



