
Kathrin Kofent
Fachreferentin für Tiere in der
Landwirtschaft, PROVIEH e. V.
Geprägt durch das Staatsziel Tierschutz sprechen Politik und Handel seit den 2000er-Jahren vermehrt von „Tierwohl“. Zeitgleich erdulden in Deutschland rund 790 Millionen Tiere in der Landwirtschaft jedes Jahr aus Tierschutzsicht bedenkliche, nicht artgemäße Lebensbedingungen. Verantwortung dafür tragen Politik, Futter- und Düngemittelwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Tierhalter:innen und Verbraucher:innen gleichermaßen.
Mit der Einführung der freiwilligen Haltungskennzeichnung des Handels im Jahr 2019 schien sich etwas im „Nutztier“schutz zu bewegen. Konsument:innen bekamen in einem zunächst vier- und inzwischen fünfstufigen System die Wahl – vom Schnitzel aus der Stallhaltung nach gesetzlichen Mindestanforderungen (Haltungsform 1) bis zum Bio-Strohschwein mit deutlich mehr Platz und Auslauf (Haltungsform 5). Die führenden Handelsunternehmen kündigten an, den Umbau zu mehr Tierwohl voranzutreiben. Nach den Plänen der Ampelregierung sollte der Staat dafür einen allgemeingültigen Rahmen schaffen: Eine gesetzlich verbindliche staatliche Haltungskennzeichnung, begleitet durch ein Bundesförderprogramm zum Umbau der Tierhaltung, sollte Landwirt:innen langfristige Planungssicherheit und finanzielle Unterstützung für tiergerechte Investitionen bieten. Doch das Gesetz wurde mehrfach verschoben, das Förderprogramm von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer vorzeitig beendet und die Verantwortung hierfür an die Länder zurückgegeben.
Damit der begonnene Wandel nicht rückabgewickelt wird, braucht es jetzt klare politische Entscheidungen. Die staatliche Haltungskennzeichnung, bislang nur für Schweinefleisch vorgesehen, sollte in den kommenden fünf bis zehn Jahren auf alle Tierarten und Produkte ausgeweitet werden. Ebenso braucht es eine Reform des Tierschutzrechts: Amputationen wie Schnabelkürzen oder Schwanzkupieren, Qualzuchten und die dauerhafte Anbindehaltung von Rindern gehören beendet. Gleichzeitig sind konkrete und verbesserte Haltungsvorgaben für alle Tierarten sowie wirksame Kontrollen erforderlich. Mehr Personal in Veterinärämtern, Spezialstaatsanwaltschaften für Tierschutz und unabhängige Beratung für Landwirt:innen können die Umsetzung unterstützen. Ebenso wichtig sind verlässliche Förderprogramme und faire Erzeugerpreise, damit tiergerechte Ställe wirtschaftlich tragfähig werden.
Auch der Handel sollte Verantwortung übernehmen, indem er langfristige Abnahmeverträge zu angemessenen Preisen für Produkte aus höheren Haltungsstufen anbietet, diese bewirbt und Verbraucher:innen transparent informiert. Die Vorleistungsindustrie kann durch faire Preise und langfristige Lieferverträge dazu beitragen, dass tiergerechte Haltung wirtschaftlich tragfähig wird. Landwirt:innen brauchen Unterstützung bei der Umgestaltung ihrer Betriebe.
Zusätzlich könnten intelligente Konzepte wie Höfe-Kooperationen, innovative Direktvermarktung oder solidarische Landwirtschaften unabhängige wirtschaftliche Perspektiven und mehr Tierschutz zusammenbringen. Die Politik sollte Anreize schaffen, die Tier-, Natur- und Klimaschutz gemeinsam fördern, statt sie gegeneinander auszuspielen. Denn Rinder wollen auf der Weide grasen, Schweine im Boden wühlen und Hühner im Freien scharren – Verhaltensweisen, die ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechen. Weniger Tiere pro Fläche, ein bewussterer Konsum tierischer Produkte sowie Kreislaufwirtschaft und extensive Beweidung sind weitere wichtige Bausteine einer zukunftsfähigen Landwirtschaft.
DIE ORGANISATION PROVIEH e. V.
Die Tierschutzorganisation PROVIEH e. V. setzt sich seit 1973 für eine artgemäße und wertschätzende Tierhaltung in der Landwirtschaft ein. Ziel ist eine Tierhaltung, die sich an den Bedürfnissen der Tiere orientiert – statt die Tiere an die Haltungsbedingungen anzupassen.

Weitere Infos finden Sie unter: www.provieh.de



