
Prof. Dr. Dirk Messner
Präsident des Umweltbundesamtes
Rein rechnerisch war am 10. Mai Schluss: Zu diesem Zeitpunkt, dem sogenannten Erdüberlastungstag, hatten die Deutschen bereits so viele Ressourcen verbraucht, wie der Planet innerhalb eines gesamten Jahres regenerieren kann. Würden alle Menschen weltweit so konsumieren wie wir, bräuchten wir 2,8 Erden. Unser derzeitiges lineares Wirtschaftssystem funktioniert nach dem einfachen Prinzip: produzieren, konsumieren, entsorgen. Die Folgen sind zunehmender Ressourcenverbrauch, steigende Emissionen, überlastete Ökosysteme und wachsende Müllberge.
Eine Antwort auf diese systemischen ökologischen Herausforderungen kann zirkuläres Wirtschaften sein. Zirkularität zielt darauf ab, Rohstoffverbräuche radikal zu reduzieren, durch Rohstoffeffizienz, Langlebigkeit von Produkten, Reparatur, Wiederverwendung und Recycling. Im Gegensatz zur linearen „Wegwerfwirtschaft“ werden Produkte und Produktionsprozesse so gestaltet, dass sie Ressourcen schonen, die Umwelt schützen, Stoffkreisläufe schließen, Rohstoffabhängigkeiten reduzieren. Was heute noch „Abfälle“ sind, werden zukünftig „heimische Ressourcen“.
Als Vorbild dient die Natur selbst – ein funktionierendes System ohne Müll. Jeder Abfall, den eine Art produziert, bildet eine wertvolle Ressource für andere Lebewesen. Dieses Prinzip versucht die zirkuläre Wirtschaft auf Produktionsprozesse zu übertragen.
Deutschland und Europa haben in den vergangenen Jahren mit dem Ressourceneffizienzprogramm, der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie und dem Circular Economy Act, der momentan auf EU-Ebene erarbeitet wird, wichtige Schritte in Richtung Zirkularität unternommen. Dennoch stehen wir erst am Anfang: In Deutschland stieg die Zirkularitätsrate – der Anteil der recycelten Materialien im Verhältnis zum Gesamtverbrauch – von 2020 bis 2024 von rund 13 auf 15 Prozent. Da ist noch sehr viel Luft nach oben.
Hochwertige Stoffkreisläufe sind bislang die Ausnahme, und wirtschaftliche Anreize begünstigen häufig immer noch den Einsatz von Primärrohstoffen und den Neukauf von Produkten, anstatt deren Reparatur oder längere Nutzung. Dabei kann zirkuläres Wirtschaften einen wichtigen Beitrag zu mehr Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Nachhaltigkeit leisten: Geschlossene Materialkreisläufe reduzieren Abhängigkeiten von oft autokratisch regierten Staaten, verlängern Wertschöpfungsketten im Inland und stabilisieren Produktionssysteme gegenüber externen Schocks.
Zentrale Treiber dieser Transformation sind Innovation, Technologie und kreative Geschäftsmodelle. Unternehmen, die frühzeitig auf Zirkularität setzen, stärken nicht nur ihre Zukunftsfähigkeit, sondern erschließen neue Märkte und Wettbewerbsvorteile. Eine aktuelle Studie des BDI geht von einer zusätzlichen Wertschöpfung durch Kreislaufwirtschaft von 880 Milliarden Euro bis 2045 aus.
Wenn es uns gelingt, den Ressourcenschatz zu heben, den wir heute noch weitgehend achtlos wegwerfen oder aufwendig entsorgen, können wir sowohl Lösungen für die geoökonomischen und -politischen Fragen, als auch für die ökologischen Probleme unserer Zeit finden. Dann würde deutlich, dass der jährliche Erdüberlastungstag kein Naturgesetz ist, sondern ein Designfehler, den wir korrigieren können.
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