Skip to main content
Home » SAVE THE PLANET » ROHSTOFFHUNGER IST DAS NEUE KLUMPENRISIKO
SAVE THE PLANET

ROHSTOFFHUNGER IST DAS NEUE KLUMPENRISIKO

Foto: © Ellery Studio / Florence Zurfluh, KI-generiertes Bild, erstellt mit Midjourney

Deutschland verbraucht pro Kopf rund 16 Tonnen Rohstoffe im Jahr. Das ist das Gewicht von zehn Mittelklasse-PKW. Pro Person. Jedes Jahr. Wissenschaftlich tragfähig wären höchstens acht. Wir leben also auf Pump – bei der Natur, zukünftigen Generationen und den Weltmärkten. Wer das nur als Umweltproblem liest, hat die Hälfte verpasst.


Rebecca Tauer

Leiterin Kreislaufwirtschaft beim WWF Deutschland

Europa verbraucht ein Viertel der globalen Rohstoffe und fördert selbst nur einen Bruchteil davon. Bei kritischen Materialien wie Lithium, Kobalt oder seltenen Erden hängen wir am Tropf weniger Lieferländer. Der Krieg in der Ukraine oder chinesische Exportrestriktionen zu seltenen Erden haben gezeigt, was das bedeutet: explodierende Preise, unterbrochene Lieferketten, Produktionsstillstände. Hoher Rohstoffverbrauch ist deshalb längst nicht mehr nur eine ökologische Frage. Es ist ein Klumpenrisiko – ein strategisches Risiko für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Versorgungssicherheit.

Genau deshalb reicht Effizienz allein nicht mehr aus. Wenn Deutschland resilienter und unabhängiger werden will, muss der absolute Rohstoffverbrauch sinken. Hier setzt das 8-Tonnen-Leitziel der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie an.

Ende 2024 hat sich die damalige Bundesregierung dazu bekannt, den Pro-Kopf-Verbrauch bis 2045 zu halbieren. Das klingt ambitioniert, ist aber realistisch, wenn wir Kreislaufwirtschaft nicht länger auf Recycling reduzieren. Die neue Bundesregierung hat das Ziel bislang nicht explizit bekräftigt, umso wichtiger, dass Unternehmen und Branchenverbände jetzt Druck machen, damit es nicht still beerdigt wird.

Denn der eigentliche Hebel liegt vor dem Recycling: Produkte länger nutzen und gemeinsam nutzen, sie reparieren und wiederaufarbeiten. Aus dem Werkzeug, der Waschmaschine, dem Bohrhammer wird ein Service. Aus dem Verkauf wird eine Kundenbeziehung. Wer Produkte zweimal vermietet statt einmal verkauft, braucht weniger Material und kann über die Laufzeit mehr verdienen als mit dem Einmalverkauf.

Die wirtschaftliche Logik dahinter ist in den Unternehmen angekommen. In Gesprächen mit Unternehmensvertretern geht es heute selten noch um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Viele erproben bereits zirkuläre Geschäftsmodelle, Rücknahmesysteme oder Refurbishment-Angebote. Die eigentliche Herausforderung liegt woanders: Wie werden solche Modelle wirtschaftlich bewertet? Und wie kommen sie aus den Pilotphasen in die Skalierung?

Die Regulierung kommt so oder so. Die EU verschärft die Anforderungen an Reparierbarkeit, Ersatzteilverfügbarkeit, Haltbarkeit und Rezyklateinsatz in immer mehr Produktgruppen. Mit der neuen Ökodesign-Verordnung entstehen schrittweise neue Marktstandards. Seit Juni 2025 müssen Smartphones reparierbar sein, Ersatzteile sieben Jahre verfügbar bleiben, Akkus austauschbar. Der digitale Produktpass macht Materialherkunft und Reparierbarkeit für Käufer und Regulatoren transparent. Die Frage ist nur, ob deutsche Unternehmen den Markt definieren, oder ob es Anbieter aus Frankreich, den Niederlanden oder China sein werden, die uns entsprechend beliefern.

Drei Argumente, warum Unternehmensführungen das Thema Kreislaufwirtschaft strategisch priorisieren sollten. Erstens Rohstoffsicherheit: Wer Material im Kreislauf hält, reduziert Abhängigkeiten und Preisschocks. Zweitens Kundenbindung: Wer ein Produkt zehn Jahre wartet, schafft langfristige Kontakte, Service-Umsätze und sammelt Daten. Drittens Vorsprung: Zirkuläre Modelle brauchen Investitionen in Partnerschaften, Reverse Logistics, Datensysteme, Produktdesign. Diese Lernkurve lässt sich nicht in zwei Quartalen aufholen.

Damit zirkuläre Geschäftsmodelle skalieren können, braucht es jedoch ein Marktumfeld, das zirkuläre Lösungen nicht länger systematisch benachteiligt. Heute ist es oft noch günstiger, neue Rohstoffe einzusetzen und Produkte schnell zu ersetzen, als sie zu reparieren, zurückzunehmen oder wiederaufzuarbeiten. Genau hier liegt die politische Aufgabe: Investitionen in Langlebigkeit, Wiederverwendung und zirkuläre Wertschöpfung wirtschaftlich attraktiver zu machen. Etwa durch steuerliche Vorteile für Reparaturen und Secondhand, durch öffentliche Beschaffung, die zirkuläre Lösungen bevorzugt, und durch Preise, die ökologische Folgekosten realistischer abbilden. Der Staat allein kauft jährlich für mehrere hundert Milliarden Euro ein und kann damit ganze Märkte bewegen.

Entscheidend ist deshalb nicht, ob Kreislaufwirtschaft stattfindet. Sondern ob die wirtschaftlichen Spielregeln lineare oder zirkuläre Modelle belohnen. Das Acht-Tonnen-Ziel ist erreichbar. Aber nicht mit Effizienz allein. Wissenschaftliche Modellierungen zeigen klar, Technische Verbesserungen bringen uns runter auf elf Tonnen, aber nicht auf acht. Den Rest schaffen wir nur, wenn Wirtschaft und Politik strukturell anders denken: weg vom Verkauf einzelner Produkte, hin zu Geschäftsmodellen, die mit weniger Material mehr Wert schaffen.

Das ist anstrengend. Es ist aber auch die nüchternste Antwort auf eine geopolitisch unruhige Welt. Resilienz, Versorgungssicherheit, Klimaund Naturschutz zeigen alle in dieselbe Richtung. Wer jetzt zirkulär wird, gewinnt drei Wetten gleichzeitig.

Sie möchten mehr erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter:

Next article