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TIERWOHL

„EIN HANDICAP MACHT EIN HUNDELEBEN NICHT WENIGER LEBENSWERT“

Fotos: Privat

Ein Hund, der nicht laufen kann, ein tauber Welpe oder alte Hunde, die blind und gebrechlich werden: Für Sandra und Andre ist das kein Grund, einem Tier ein erfülltes Leben abzusprechen. Mit ihrem Instagram-Account @missyminzi geben sie Hunden mit besonderen Bedürfnissen eine Stimme und zeigen, wie viel Lebensfreude in ihnen steckt.

Hunde sind für viele Menschen Familienmitglieder. Was macht das Zusammenleben mit deinen Hunden für euch so besonders?

Unsere Hunde geben uns unglaublich viel. Sie lieben bedingungslos, sind ehrlich und bringen so viel Lebensfreude und Energie mit. Sie nehmen Situationen an, wie sie kommen, und hadern nicht damit, wenn etwas nicht perfekt läuft. Gerade unsere Hunde mit Beeinträchtigungen zeigen uns jeden Tag, wie resilient man sein kann und wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein. Wir Menschen können eine Menge von Hunden lernen.

Artgerechte Haltung bedeutet weit mehr als regelmäßige Spaziergänge. Worauf legt ihr im Alltag besonderen Wert, damit sich eure Hunde rundum wohlfühlen?

Natürlich gehören körperliche und mentale Auslastung dazu, aber Hundehaltung ist so viel mehr: gesunde Ernährung, Tierarzt-Check-ups, soziale Kontakte und vor allem ein Blick dafür, was der einzelne Hund braucht. Unser Monty würde am liebsten den ganzen Tag schlafen und sich den Bauch kraulen lassen – deshalb stehen überall kuschelige Bettchen. Für unsere Jüngsten haben wir dagegen einen kleinen Abenteuerpark mit Hügel, Sandkasten und Teich. Jeder Hund ist ein Individuum. Gerade kleinen Hunden wird das leider schnell abgesprochen. Aber auch sie haben Grenzen, Bedürfnisse und einen eigenen Willen.

Gerade unsere Hunde mit Beeinträchtigungen zeigen uns jeden Tag, wie resilient man sein kann und wie wenig es manchmal braucht, um glücklich zu sein. Wir Menschen können eine Menge von Hunden lernen.

Ob Ernährung, Hundeschule, Tierarzt oder Reisen mit Hund: Welche Erfahrungen haben euch als Hundehalter besonders geprägt und welche Tipps gebt ihr anderen mit auf den Weg?

Leider prägen einen oft gerade die negativen Erlebnisse. Der Fremde, der ungefragt einen Hund hochnimmt und fallen lässt, ein Tierarzt, der die Empfindlichkeit eines winzigen Hundes unterschätzt, oder ein lieber großer Hund, bei dem der Beutetrieb einsetzt. Wir haben dadurch vor allem eines gelernt: ihr seid die Stimme eures Hundes. Früher wollten wir immer höflich sein und niemandem auf die Füße treten. Heute wissen wir, dass unsere Hunde sich darauf verlassen, dass wir ihre Grenzen schützen. Das Tierwohl sollte wichtiger sein als der Wunsch, es allen recht zu machen.

Ihr gebt auch Hunden mit Handicap ein Zuhause. Viele Menschen trauen sich die Adoption eines Hundes mit Handicap oder Vorerkrankung aber gar nicht erst zu. Welche Vorurteile begegnen euch dabei am häufigsten – und was möchtet ihr diesen Menschen mitgeben?

Das häufigste Vorurteil ist wohl, dass ein Leben mit Behinderung oder im hohen Alter automatisch nicht mehr lebenswert sei. Als unsere Omis mit 19,5 und 16 Jahren blind, taub und wackelig wurden, hörten wir oft, wir sollten sie einschläfern lassen – obwohl sie ihr Leben noch sichtbar genossen. Auch Murphy, der aufgrund einer Kleinhirn-Hypoplasie nicht laufen kann, sollte eingeschläfert werden. Eine Tierärztin kannte seine Behinderung nicht und deutete Tierarztstress als Leiden. Dabei ist Murphy einer der lebensfrohesten Hunde von allen. Zum Glück verändert sich etwas. Vor zehn Jahren galt selbst unsere dreibeinige Hündin als Kandidatin zum Einschläfern. Heute werden fehlende Gliedmaßen und Prothesen viel selbstverständlicher akzeptiert. Wir hoffen, dass diese Entwicklung weitergeht und künftig auch Tiere mit stärkeren Beeinträchtigungen mehr Akzeptanz erfahren.

Unsere Hunde fragen nicht danach, wer „anders“ ist. Sie akzeptieren und lieben einander so, wie sie sind.

Was können Hundehalter ganz allgemein von Special Needs Dogs lernen – über Geduld, Respekt und den Umgang mit Tieren?

Unglaublich viel. Viele Menschen schreiben uns, wie sehr Murphy und seine Lebensfreude sie inspirieren. Er verliert nie seinen Kampfgeist und hat so viele Freunde. Murphy ist mittendrin statt nur dabei. Seine Behinderung spielt für die anderen Hunde keine Rolle. Auch Lio ist dafür ein schönes Beispiel: Er ist taub und sein bester Freund Matti weckt ihn, wenn etwas passiert, damit er nichts verpasst. Unsere Hunde fragen nicht danach, wer „anders“ ist. Sie akzeptieren und lieben einander so, wie sie sind.

Ich hoffe, dass wir Menschen davon etwas mitnehmen und ein Umdenken stattfindet. Tiere sind nicht zu unserer Belustigung auf der Welt und schulden uns nichts. Wir tragen die Verantwortung für sie, nicht andersherum.

Gerade bei Zwergspitzen sehen wir die gesundheitlichen Folgen menschlicher Zuchtentscheidungen. Ein Tier dann wegen dieser Probleme abzugeben, ist besonders traurig. Respekt bedeutet für uns, Verantwortung zu übernehmen – gerade dann, wenn das gemeinsame Leben einmal nicht perfekt ist.

Neugierig geworden?

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