Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür. Im Gespräch erklärt Johanna te Dorsthorst Henkel von „Adoptieren statt Produzieren“, weshalb Haustierschutz und Artenschutz eng miteinander verbunden sind und wie jeder Einzelne dazu beitragen kann.
Was sind die häufigsten Vorurteile, denen du begegnest, wenn es um Hunde oder Katzen aus dem Tierschutz geht?
Das häufigste Vorurteil ist mit Abstand, dass Tiere aus dem Tierschutz schwierig seien und das allein schon deshalb, weil man nicht weiß, was sie alles schon erlebt haben. Aus meiner Erfahrung kann ich diese These jedoch nicht unterschreiben. Tiere aus dem Tierschutz sind nicht schwieriger, einfacher, unerzogener oder erzogener als andere Tiere auch. Ganz plakativ ausgedrückt: Erziehungs- und Verhaltensprobleme sehen wir bei allen Tieren gleich häufig, egal ob vom Züchter oder aus dem Tierheim. Der entscheidende Faktor ist der Mensch.
Ich finde es jedoch problematisch, dass sich einige Menschen ein Tier bei einem Züchter kaufen, da sie dann annehmen, sie wissen „was sie bekommen“. Zunächst empfinde ich Tiere nicht als Ware, die ein Kaufversprechen erfüllen müssen oder sollen. Zudem finde ich das Argument offen gestanden ein bisschen seltsam. Bei einem erwachsenen oder älteren Tier kann ich mir einfacher ein Bild über den Charakter, das Verhalten oder den Trainingsstand machen, als bei einem Welpen, den ich unter Umständen Monate vor seiner Geburt bei einem Züchter reserviert habe.
Für jeden Topf
gibt es im Tierschutz
den passenden Deckel.
Welche Fragen sollte sich jeder stellen, bevor ein Tier einzieht – unabhängig davon, ob es vom Züchter oder aus dem Tierheim kommt?
Also die wichtigste Frage ist, auch wenn sie manchmal weh tut: Kann ich wirklich die Verantwortung für ein Tier über viele Jahre hinweg tragen? Das klingt erstmal profan, doch daran knüpfen viele weitere Fragen an. Ein Hund zum Beispiel kostet über ein Hundeleben hinweg gerne mal 15.000 Euro und mehr. Kann ich mir das leisten? Wer übernimmt die Betreuung, wenn ich mal keine Zeit habe? Und natürlich auch die Frage: wer springt ein, wenn ich mal längerfristig nicht in der Lage bin, das Tier zu versorgen. All das sind Dinge, die man sich gut überlegen muss. Und dann sollte man sich auch einmal ganz ehrlich eingestehen: Was kann ich dem Tier eigentlich jetzt bieten und welches Tier passt zu mir?
Nicht selten werden Tiere abgegeben, weil man merkt, dass man die Anforderungen einfach nicht erfüllen kann. Mein Empfinden ist, dass die eigene Wahrnehmung, über sich selbst und das eigene Leben nicht mit dem wirklichen Ist-Zustand übereinstimmt.
Mein Tipp: Bereits VOR der Anschaffung mit einer Expertin oder einem Experten sprechen und sich beraten lassen. Hier kommen häufig spannende Erkenntnisse zum Vorschein und die Gefahr, dass es am Ende nicht passt, wird minimiert.
Warum ist Adoption aus deiner Sicht oft die bessere Entscheidung und welche Erfahrungen haben dich dabei besonders geprägt?
Ich kann nur deutlich betonen, dass es für jeden Topf im Tierschutz den passenden Deckel gibt. Manchmal muss man ein bisschen suchen und sich Zeit lassen. Aber es gibt auf unserer Welt bereits so viele Tiere, die nach einem Zuhause suchen. Besonders deutlich wird mir das immer, wenn ich Tierheime im In- und Ausland besuche. Großartige Begleiter, die wundervolle Familienmitglieder sein könnten, warten dort teilweise über Jahre oder noch schlimmer, wurden dort „entsorgt“. Besonders deutlich wird das in Ländern wie Rumänien, in denen Haustiere getötet werden, weil keiner sie möchte.

Wir tragen durch
unser Verhalten und
die Art, wie wir unser
Leben gestalten,
eben auch Verantwortung
für das Wohl freilebender
Tiere.
Viele Menschen denken beim Tierschutz zuerst an Tierheime. Welche anderen Bereiche des Tierschutzes bekommen deiner Meinung nach noch viel zu wenig Aufmerksamkeit?
Grundsätzlich sollte der Tierschutz insgesamt mehr Aufmerksamkeit erhalten. Ich glaube, dass Menschen vielleicht ein falsches oder nicht vollständiges Bild von Tierheimen haben. Sie denken häufig an traurige Zwinger mit verstörten Tieren. Dabei sind Tierheime total lebensfrohe Orte. Man trifft auf engagierte Menschen, die häufig sogar ehrenamtlich die in Not geratenen Haus- und Wildtiere versorgen. Und nicht nur das, gleichzeitig stellen sie auch noch soziale Projekte, beispielsweise mit Kindern und Jugendlichen, auf die Beine. Sie leisten wichtige Aufklärungsarbeit, unterstützen Polizei und Ämter …
Tierheime sind eine richtige Begegnungsstätte und ich empfehle wirklich jedem, dort mal vorbeizuschauen und sich vielleicht auch ehrenamtlich zu engagieren. Es ist wirklich bereichernd.
Der Schutz von Haustieren und der Schutz wildlebender Tiere hängen oft enger zusammen, als viele vermuten. Welche Rolle spielt Artenschutz aus deiner Sicht für den gesellschaftlichen Tierschutz insgesamt?
Ich glaube, es ist ein Thema des Mindsets. Grundsätzlich kann man sich schon fragen, warum wir unsere Haustiere schützen und lieben und mit den wildlebenden Tieren doch häufig sehr gleichgültig umgehen. Ich erlebe aber zum Glück nicht selten, dass man über das eigene Haustier plötzlich einen Zugang zu der Tierwelt insgesamt findet und auf einmal ein Bewusstsein für die Bedürfnisse aller Tierarten entwickelt. Das ist schön, denn wir tragen durch unser Verhalten und die Art, wie wir unser Leben gestalten, eben auch Verantwortung für das Wohl freilebender Tiere.
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