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WIE WOLLEN WIR LEBEN

Naturverlust wird zum Geschäftsrisiko: Wie Unternehmen resilienter werden

Plastik- und Müllverschmutzung im Meer (Foto: Caroline Power)

Heike Vesper

Vorständin für Politik und Transformation
beim WWF Deutschland

Das Jahr 2026 zeigt eindrücklich, wie die Zukunft aussieht: Hitzewellen folgen in immer kürzeren Abständen aufeinander, Dürreperioden und Wasserknappheit sind längst keine abstrakten Risiken mehr. Dennoch verlaufen viele politische und wirtschaftliche Transformationsprozesse langsamer als es angesichts dieser Entwicklungen erforderlich wäre. Entsprechend bleiben die globalen Treibhausgasemissionen auf einem hohen Niveau. Ein beträchtlicher Teil des ausgestoßenen CO2 wird von den Ozeanen aufgenommen.

Was zunächst positiv klingt, ist in Wahrheit eine große Belastung für die Meere. Denn die Aufnahme großer Mengen CO2 senkt den pH-Wert der Ozeane und treibt ihre Versauerung voran. Gleichzeitig erwärmen sich die Meere infolge der Klimakrise und werden zunehmend durch Plastikabfälle belastet. Die Masse aller Kunststoffe auf der Erde ist inzwischen doppelt so groß wie die aller Lebewesen zusammen. Plastik findet sich heute fast überall: in den Ozeanen und Flüssen, auf landwirtschaftlichen Flächen und im Hochgebirge.

Die Folgen gehen über die sichtbare Umweltverschmutzung hinaus. Zahlreiche Tierarten verlieren ihre Lebensräume oder werden direkt durch Kunststoffabfälle geschädigt. Gleichzeitig gelangt Mikro- und Nanoplastik über Böden und Gewässer in die menschliche Nahrungskette. Inzwischen wurde es in vielen Organen des menschlichen Körpers nachgewiesen. Die langfristigen gesundheitlichen Folgen sind noch nicht abschließend geklärt.

Doch die steigende Plastikflut hat nicht nur Folgen für Mensch und Tier: Die bei der Produktion und Verbrennung von Kunststoffen entstehenden Treibhausgasemissionen beschleunigen die Erderhitzung weiter. Zusammen mit dem Verlust biologischer Vielfalt beeinträchtigt das die Leistungen von Ökosystemen, auf die Gesellschaft und Wirtschaft angewiesen sind: sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung, natürliche Kohlenstoffspeicher und eine stabile Rohstoffversorgung.

Mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung ist direkt oder indirekt von funktionierenden Ökosystemen abhängig – vom Landwirt bis zum Pharmakonzern. Naturkapital ist damit keine ökologische Randgröße, sondern ein zentraler Produktionsfaktor. Die Auswirkungen von Bodendegradation, Wasserknappheit oder dem Rückgang von Bestäubern machen sich bereits heute in Lieferketten, Produktionsprozessen und Kostenstrukturen bemerkbar.

Aus ökonomischer Sicht gilt ein einfaches Prinzip: Vorsorge ist günstiger als Schadensbewältigung. Die Kosten für die Bewältigung der Klima- und Biodiversitätskrise übersteigen die Kosten frühzeitiger Gegenmaßnahmen um ein Vielfaches. Das wird bei der Plastikverschmutzung deutlich: Für jeden Dollar, den die Herstellung von Plastik kostet, muss mindestens zehnmal so viel investiert werden, um die vielen negativen Auswirkungen zu beheben. Hinzu kommen die zunehmenden Schäden durch Extremwetterereignisse. Versicherer warnen seit Jahren vor steigenden Schadenssummen. Aus ökologischen Veränderungen werden zunehmend konkrete Geschäfts- und Investitionsrisiken.

Gleichzeitig zeigt die Natur selbst, wie Resilienz entsteht: durch Vielfalt, Anpassungsfähigkeit und effiziente Ressourcennutzung. Auch Unternehmen können widerstandsfähiger werden, wenn sie Klima- und Naturrisiken strategisch berücksichtigen. Die Instrumente dafür sind bekannt. Eine stärker zirkuläre Wirtschaftsweise hilft dabei, Rohstoffabhängigkeiten zu reduzieren, Lieferketten robuster zu machen und Kostenrisiken zu begrenzen – ein Wettbewerbsfaktor in Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen und volatiler Märkte.

Der WWF unterstützt Unternehmen dabei, Biodiversitäts- und Klimarisiken systematisch in ihre Strategien zu integrieren. Dazu gehören wissenschaftsbasierte Ziele und die Entwicklung kreislauffähiger Geschäftsmodelle. Kreislaufwirtschaft ist dabei kein Selbstzweck. Sie muss dazu beitragen, den Verbrauch von Primärrohstoffen, Treibhausgasemissionen, Flächeninanspruchnahme und Umweltverschmutzung wirksam zu senken.

Recycling ist ein wichtiger Baustein, reicht allein jedoch nicht aus. Geschäftspotenziale liegen auch in Reduktion, Wiederverwendung, Reparatur und Rücknahmesystemen. So stärken Reparatur- und Serviceangebote die Kundenbindung, erschließen neue Erlösquellen und verringern die Abhängigkeit von knappen Rohstoffen. Und Rücknahme, Aufbereitung und Wiederverkauf ermöglichen zusätzliche Wertschöpfung über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts.

Auch Banken und Finanzinstitute spielen eine Schlüsselrolle. Sie können Unternehmen dabei unterstützen, Natur- und Klimarisiken frühzeitig zu erkennen und Investitionen in nachhaltige Transformationen zu erleichtern. Das stärkt nicht nur die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen, sondern reduziert langfristig Risiken in den Finanzportfolios selbst.

Investitionen in den Schutz von Klima und Natur sind deshalb nie nur Kosten. Sie sind eine Investition in wirtschaftliche Stabilität, Versorgungssicherheit und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

BUCHTIPP:
„Wenn wir die Meere retten, retten wir die Welt“

Wie ein nachhaltiger Umgang gelingt und jeder Einzelne etwas bewirken kann
Unter Mitwirkung von: Janina Jetten

Heike Vesper, Meeresbiologin, WWF-Vorständin und leidenschaftliche Taucherin, erzählt hier von der Faszination des Lebens unter Wasser, vom Kampf um den Schutz der Weltmeere vor Überfischung, Ausbeutung und Verschmutzung und der Bedeutung der Meere für das Überleben der Menschheit. Sie zeigt: Es ist noch nicht zu spät, um diesen einmaligen Lebensraum zu schützen. Welche Möglichkeiten gibt es, die Dinge anders zu machen? Und wie kann jeder und jede einzelne von uns durch sein Verhalten Teil dieses längst überfälligen Umdenkens sein?



Quelle: Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-644-00783-3

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