Zwischen politischem Zögern und gesellschaftlicher Unsicherheit steht eine zentrale Frage: Wie gelingt echter Wandel? Klimaaktivistin und Publizistin Luisa Neubauer gibt darauf klare Antworten.

Luisa Neubauer
Deutsche Aktivistin und Publizistin
In deinem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ sprichst du von mehr gesellschaftlichem Mut im Umgang mit der Klimakrise. Was bedeutet „Mut“ konkret für politische Entscheidungsträger*innen in Deutschland?
Mut bedeutet zuerst, die Realität anzuerkennen. Viele politische Entscheidungsträger relativieren die Klimakrise bis heute oder behandeln sie wie ein fernes Problem, obwohl ihre Folgen längst sichtbar sind – etwa bei Extremwetter oder steigenden Risiken für ganze Regionen. Es braucht Ehrlichkeit darüber, dass fossile Abhängigkeiten nicht nur teuer sind, sondern unsere Lebensgrundlagen gefährden. Gleichzeitig müssen Lösungen konsequent umgesetzt werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme oder die Anpassung unserer Städte sind keine optionalen Maßnahmen, sondern zentrale Zukunftsfragen. Entscheidend ist dabei Verlässlichkeit: Wer große Ziele verkündet, darf sie nicht im nächsten Moment durch gekürzte Budgets unterlaufen. Ohne klare, langfristige Strategien fehlt Vertrauen – sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich.
Du beschreibst die Klimakrise vor allem als Macht und Gerechtigkeitskrise. Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, diese Perspektive anzunehmen, obwohl die Fakten längst bekannt sind?
Vor allem fehlt oft ein überzeugendes Zukunftsbild. Wenn Menschen nicht sehen, wie ein gutes, sicheres und gerechtes Leben in einer klimafreundlichen Gesellschaft aussehen kann, verdrängen sie das Problem eher, als sich ihm zu stellen.
Wie lässt sich aus deiner Sicht ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen unterschiedlicher Gruppen umsetzen, ohne gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen?
Ein zentraler Denkfehler ist, Menschen in gegensätzliche Gruppen einzuteilen. Der Autofahrer vs die Fahrradfahrerin. Der Söder-Ultra vs. die Veganerin. In Wirklichkeit vereinen die meisten von uns verschiedene Interessen. Sind mal auf Auto, mal aufs Rad angewiesen, sind an wirtschaftlicher Stabilität und einer sicheren Zukunft für die eigenen Kinder interessiert. Wenn wir diese Mehrdimensionalität anerkennen, wird klar, dass viele Konflikte konstruiert sind. Statt gegeneinander zu argumentieren, sollten wir Lösungen suchen, die mehrere Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen – etwa bessere Alternativen zum Auto oder klimafreundliche Arbeitsplätze. So entstehen echte Win-win-Situationen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.
Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, nachhaltiger zu werden, ohne ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Welche Denkfehler beobachtest du hier häufig und was wären aus deiner Sicht mutige, aber realistische Schritte?
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, Klimaschutz sei ein Sonderweg. Tatsächlich passiert weltweit gerade ein massiver Umbau hin zu erneuerbaren Energien und elektrifizierten Systemen. Wer hier früh investiert, sichert sich langfristig Wettbewerbsvorteile. Unternehmen sollten Nachhaltigkeit deshalb nicht als Belastung sehen, sondern als strategische Chance. Kurzfristige Kosten stehen langfristigen Gewinnen gegenüber – wirtschaftlich wie gesellschaftlich. Wichtig ist, nicht aus Frust oder politischer Stimmung heraus notwendige Veränderungen zu blockieren, sondern aktiv mitzugestalten.
Was wären drei Veränderungsansätze die jede*r von uns sofort im Alltag umsetzen könnte?
Erstens: die eigene Arbeit reflektieren. Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens im Beruf – dort entscheidet sich, ob wir zur Lösung beitragen oder bestehende Probleme verstärken. Zweitens: sich einbringen. Gespräche führen, andere inspirieren und gemeinsam Initiativen anstoßen – gesellschaftlicher Wandel entsteht oft im direkten Umfeld. Drittens: Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. Das betrifft politische Entscheidungen genauso wie Konsum, Engagement oder Investitionen. Jede dieser Ebenen hat Einfluss darauf, wie unsere Zukunft aussieht.
BUCHTIPP:
„Was wäre, wenn wir mutig wären?“
Wie wächst Mut in harten Zeiten?
Seit Jahren kämpfen Menschen um die künftige Bewohnbarkeit unseres Planeten. Luisa Neubauer ist eine von ihnen. Doch bis heute scheitert die Welt daran, den notwendigen Klimaschutz demokratisch zu organisieren. Warum passiert nicht mehr, obwohl die wissenschaftlichen Fakten schon lange bekannt sind? Woher kommt die Anti-Klima-Aggression der Rechten? Warum sorgen selbst die sichtbaren Klimakatastrophen nicht für ein gesellschaftliches Umdenken?
Luisa Neubauer analysiert die Machtkämpfe hinter der Klimakrise, sie legt die fossilen Wurzeln unserer Demokratie frei und zeigt, wie eine realistische Utopie auf unserem Planeten aussehen kann.
Quelle: www.rowohlt.de/buch/luisa-neubauer-was-waere-wennwir-
mutig-sind-9783499014963



