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SAVE THE PLANET

PETER WOHLLEBEN: „WIR VERLIEREN DEN WALD NICHT DURCH DEN KLIMAWANDEL, SONDERN DURCH UNS SELBST“

Fotos: Gaby Gerster

Peter Wohlleben (Instagram: @peter_wohlleben) galt mit seiner Neugier für die Natur schon früh als das „grüne Schaf“ seiner Familie – eine Faszination, die ihn vom geplanten Biologiestudium schließlich zur Forstlaufbahn führte. Dort stellte er jedoch schnell fest, dass Förster oft eher wirtschaftlich als ökologisch arbeiten, und begann, sich eigenständig intensiv mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Wald zu beschäftigen. Dabei entdeckte er die komplexen Kommunikations- und Sozialsysteme von Bäumen – und entwickelte den Anspruch, dieses Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Herr Wohlleben, der Zustand der deutschen Wälder wird seit Jahren als kritisch beschrieben. Wie dramatisch ist die Lage und wo wird sie Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Debatte unterschätzt oder beschönigt?

Die Lage ist ohne Zweifel ernst – allerdings lohnt sich ein differenzierter Blick. Besonders stark betroffen sind jene Wälder, die über Jahrzehnte hinweg intensiv bewirtschaftet und in Monokulturen umgewandelt wurden. Naturnahe, alte Laubwälder hingegen zeigen eine überraschend hohe Widerstandskraft gegenüber Hitze und Trockenheit.

In der öffentlichen Debatte wird häufig der Klimawandel als Hauptursache genannt, doch ein erheblicher Teil des Problems ist hausgemacht: Durch intensive Holzentnahme verliert der Wald große Mengen an Kohlenstoff und wird selbst zur CO2-Quelle. Diese Entwicklung lässt sich in offiziellen Erhebungen nachvollziehen, wird aber oft verkürzt dargestellt. Stattdessen wird mitunter sogar ein höherer Holzeinschlag als Lösung propagiert – ein Ansatz, der die strukturellen Probleme eher verschärft, als sie zu lösen.

Foto von Peter Wohlleben

Sie betonen immer wieder, dass Wälder weit mehr sind als eine Ansammlung von Bäumen. Welche zentralen Funktionen erfüllt das Ökosystem Wald für Klima, Biodiversität und letztlich auch für uns Menschen?

Wälder sind hochkomplexe Ökosysteme, deren Bedeutung weit über Holzproduktion oder CO2-Speicherung hinausgeht. Sie wirken wie natürliche Klimaanlagen, indem sie durch Verdunstung große Mengen Wasser in die Atmosphäre abgeben und so die Umgebungstemperaturen deutlich senken.

Gleichzeitig beeinflussen sie die Bildung von Wolken und Niederschlägen – unter anderem mithilfe von Bakterien, die als Kondensationskerne fungieren. Diese Prozesse sorgen dafür, dass Wasser in den Kreislauf zurückgeführt wird und Grundwasserspiegel stabil bleiben. Werden Wälder großflächig zerstört, gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht: Landschaften trocknen aus, Hitzeperioden verstärken sich und Extremwetterereignisse nehmen zu. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich gut belegt, werden aber im öffentlichen Diskurs häufig unterschätzt.

Viele Initiativen setzen auf Aufforstung als Mittel gegen den Klimawandel. Können diese Projekte den Klimawandel wirksam bremsen oder greift dieser Ansatz zu kurz?

Aufforstung kann ein wichtiger Baustein sein, greift aber oft zu kurz, wenn sie nicht strategisch umgesetzt wird. Viele Projekte konzentrieren sich auf Flächen, die ohnehin wieder aufgeforstet werden müssen – etwa nach Kahlschlägen. Hier fehlt der zusätzliche Effekt. Deutlich sinnvoller wäre es, landwirtschaftlich genutzte Flächen, insbesondere solche mit hoher Umweltbelastung, wieder in Wald umzuwandeln.

Gleichzeitig wird häufig unterschätzt, wie leistungsfähig natürliche Regenerationsprozesse sind: Wälder können sich aus eigener Kraft erneuern, wenn man ihnen Zeit und Raum gibt. Anstatt aktiv einzugreifen, wäre es vielerorts effektiver, die Natur arbeiten zu lassen.

In welchem Zusammenhang stehen Extremwetter und Schädlingsbefall mit menschlichen Eingriffen in die Natur und ist das Waldsterben noch aufzuhalten?

Das derzeit beobachtete Waldsterben betrifft vor allem künstlich angelegte Plantagen. Viele der dort gepflanzten Baumarten stammen aus anderen Klimazonen und sind den heutigen Bedingungen nicht gewachsen. Sie reagieren empfindlich auf Hitze, Trockenheit und Schädlinge wie den Borkenkäfer.

Gleichzeitig verstärken menschliche Eingriffe die Probleme: Der Einsatz schwerer Maschinen führt zu Bodenverdichtung, wodurch Wasser schlechter versickern kann. In der Folge trocknen Böden schneller aus und können bei Starkregen weniger Wasser aufnehmen – ein Faktor, der Extremwetter zusätzlich verschärft. Naturnahe Wälder zeigen hier ein deutlich robusteres Verhalten: Sie speichern Wasser, puffern Niederschläge ab und schaffen stabilere Mikroklimata. Das zeigt, dass das Waldsterben keineswegs unausweichlich ist, sondern stark von der Art der Nutzung abhängt.

Foto von Peter Wohlleben

Diese Ausgabe steht unter dem Motto „Mensch, Tier und Umwelt in Einklang“. Was müsste sich konkret in unserem Umgang mit Natur und Ressourcen ändern, damit dieses Gleichgewicht wieder realistischer wird?

Ein zentrales Problem liegt in unserer Perspektive: Natur wird häufig als Ressource betrachtet, die es möglichst effizient zu nutzen gilt. Notwendig wäre jedoch ein Umdenken hin zu einem systemischen Ansatz, der die Leistungsfähigkeit von Ökosystemen in den Mittelpunkt stellt. Denn stabile Ökosysteme sichern grundlegende Ressourcen wie Wasser und saubere Luft. Holz spielt dabei eine deutlich geringere Rolle, als oft angenommen wird – insbesondere, wenn ein Großteil direkt energetisch genutzt wird. Wenn es gelingt, den Ressourcenverbrauch insgesamt zu reduzieren und alternative Technologien stärker zu nutzen, könnten Wälder wieder ihre ursprünglichen Funktionen erfüllen und einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung unserer Umwelt leisten.

In Ihrem neuen Buch „Bakterien als heimliche Helfer“ lenken Sie den Blick auf eine oft übersehene Welt. Welche Rolle spielen Mikroorganismen im Wald und warum sind sie möglicherweise entscheidend für dessen Zukunft?

Bakterien sind ein oft unterschätzter, aber zentraler Bestandteil des Waldes. Sie beeinflussen nahezu alle Prozesse – von der Photosynthese über die Nährstoffaufnahme bis hin zur Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressfaktoren. Einige Bakterien können beispielsweise dazu beitragen, dass Bäume besser mit Trockenheit umgehen oder sich gegen Krankheitserreger behaupten. Gleichzeitig ist unser Wissen über diese komplexen Zusammenhänge noch begrenzt. Gerade deshalb spricht vieles dafür, natürliche Prozesse stärker zu respektieren und Eingriffe zu reduzieren. Denn je weniger wir diese Systeme stören, desto besser können sie ihre stabilisierende Wirkung entfalten.

Wo sehen Sie die wichtigsten Hebel für echte ökologische Veränderungen?

Zu den wichtigsten Hebeln zählt der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien, um den Druck auf Wälder als Energiequelle zu verringern. Ebenso entscheidend ist eine veränderte Flächennutzung: Eine Reduktion des Fleischkonsums könnte große Flächen freisetzen, die für Renaturierung oder Wiederbewaldung genutzt werden könnten. Darüber hinaus braucht es unabhängige Kontrollstrukturen in der Forstwirtschaft, um wirtschaftliche Interessen und ökologische Verantwortung klar zu trennen.

Nicht zuletzt spielt auch Bildung eine zentrale Rolle: Ein stärkerer emotionaler Zugang zur Natur kann dazu beitragen, dass Menschen deren Wert besser verstehen – und sie entsprechend schützen. Denn langfristiger Naturschutz beginnt nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Verbundenheit.

BUCHTIPP:
„Bakterien – Die heimlichen Helden“

Peter Wohlleben hat unser Wissen über Bäume revolutioniert. Genauso anschaulich führt er uns nun durch das überraschende Reich der Bakterien. Ein ideales Buch für alle, die an Alltagswissen interessiert sind und biologische Abläufe verstehen möchten.

Denn Bakterien begegnen uns überall, rund um die Uhr. Wenn man weiß, dass sie schlau sind, kommunizieren und gemeinsame Aktionen planen, allerdings so klein sind, dass wir sie nicht sehen können, dann ist dieses Buch nicht nur wie ein Mikroskop, sondern wie eine Türe in ihr Reich. Fundiert und spielerisch leicht leitet Peter Wohlleben, Autor des Millionen-bestsellers „Das geheime Leben der Bäume“, durch diese überraschende Welt.



ISBN:978-3-89029-611-1
Quelle: www.piper.de/buecher/bakterien-die-heimlichen-helden

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