Alles, was bisher auf der Deponie oder in der Müllverbrennungsanlage landet, soll kein Müll mehr sein, sondern ein neues Leben bekommen. Einer, der von dieser ökologisch-industriellen Revolution überzeugt ist, ist der Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart. Das Interview.

Was genau ist jetzt Cradle to Cradle, kurz C2C und zu Deutsch „von der Wiege zur Wiege“?

Das ist ein strategischer Ansatz, um Innovationen in Unternehmen zu fördern. Und dies mit dem Fokus auf gesunde Produkte, außerhalb des Lebensmittelbereichs. Hersteller müssen wissen, was in ihren Produkten enthalten ist, was häufig nicht der Fall ist, um Gesundheit garantieren zu können.

Zudem geht es bei C2C darum, dass in der Herstellung und besonders beim Produktdesign darauf geachtet wird, dass die verwendeten Materialien vollkommen recycelbar sind. Und dies zu 100 Prozent, damit die Produkte nicht in ein Downcycling überführt werden müssen, sondern tatsächlich wieder in gleicher Qualität verwendet werden können.

Was ist die Herausforderung bei C2C?

Hersteller wissen in den allermeisten Fällen nicht, was in ihren Produkten tatsächlich enthalten ist, weil sie Bauteile oder Mixturen zukaufen und über die genauen Inhaltsstoffe nicht Bescheid wissen. Dadurch ist ihnen auch nicht bekannt, was sie an den Verbraucher beziehungsweise Kunden schlussendlich weitergeben.

Bitte nennen Sie uns ein Beispiel.

Davon gibt es viele. Man sieht es beispielsweise sehr oft im Textilbereich. Greenpeace zum Beispiel prüft Kinderregenjacken und -gummistiefel und stellt fest, dass sie sehr viele giftige Kohlenwasserstoffe enthalten oder DMF – Stoffe, die teilweise Gesundheitsrisiken bergen und sogar krebserregend sind. Wie will man so etwas recyceln?

Wie können Unternehmen C2C umsetzen?

Unternehmen können anhand der C2C-Prinzipien und mithilfe ihrer Lieferanten ihre Produkte vollständig durchleuchten. Um herauszufinden, was wirklich in ihnen drin ist, auch, ob schädliche Inhaltsstoffe enthalten sind, die entweder ein Produkthaftungs- oder ein Gesundheitsrisiko bergen. Nur so können gegebenenfalls gefährliche Stoffe durch gute, unschädliche Stoffe ersetzt werden.

Unternehmen initiieren so Innovationen und tun schlussendlich etwas für den Konsumenten. C2C richtet sich vor allem an die Qualitätsmarktführer. Diejenigen Produzenten, die nur auf den Preis schauen müssen und nicht innovationsgetrieben sind, denen ist diese Idee relativ egal.

Wie kann das sein? Sollten Unternehmen nicht immer das Beste für ihre Kunden wollen?

C2C trifft einfach nicht deren Firmenstrategie. Hersteller, die jedoch im hochqualitativen Bereich arbeiten und deren Kunden auch gern den ein oder anderen Euro mehr ausgeben, eben weil das Unternehmen einen guten Ruf hat und auch einen Vertrauensvorschuss seitens der Kunden, die sind interessiert an Innovationen sowie an der Herstellung und dem Verkauf von gesunden Produkten.

Kann C2C eine industrielle Revolution darstellen?

Aus meiner Sicht ja. Ob es dann Cradle to Cradle heißt oder einen anderen Namen trägt, sei dahingestellt. Doch dieser Ansatz ist definitiv zukunftsweisend. Viele Unternehmen beschäftigen sich mittlerweile mit diesem Thema. International haben sich bereits über 100 Firmen, unter dem Namen Circular Economy CE 100, zusammengeschlossen – weltweite Marktführer und einige kleinere Firmen – und versuchen, ihre Produkte und Rohstoffe im Kreis zu führen, also komplett recycelbar zu machen.

Das Ganze basiert auf dem Cradle to Cradle-Designkonzept. Die Ansätze und Ideen sind auch in Deutschland da, jetzt muss es nur noch umgesetzt werden. Und Fakt ist: Unternehmen werden sich Gedanken machen müssen, Dinge gesünder zu produzieren und ihre Produkte besser im Kreis zu führen, sie also recycelbar zu machen.

Denn mit wachsendem Wohlstand werden Konsumenten entflammbare und krebserregende Kindergummistiefel auch immer weniger dulden. Nicht vergessen sollten Unternehmen also auch den wirtschaftlichen Nutzen des C2C-Konzepts.

Was dieses Interview zeigt, ist, dass der Cradle to Cradle-Bewegung keine verspielten Weltverbesserer anhängen, sondern Wirtschaftsverbände und Unternehmer. Sie hoffen auf höhere Produktivität und Effektivität: Ein Forschungsbericht der Ellen MacArthur Foundation rechnet übrigens vor, dass sich durch restaurative Kreisläufe bis 2025 pro Jahr eine Billion US-Dollar einsparen ließe.