In Grün- und Bioabfällen steckt mehr als ein Abfallproblem. Das ist auch in Deutschland kein Geheimnis mehr. Biogene Abfälle werden landauf landab kompostiert, vergärt oder als Brennstoff eingesetzt. Pro Jahr werden so in Deutschland aus rund 15 Millionen Tonnen Biomasse Dünger, Strom oder Fernwärme. Das ist im internationalen Vergleich schon eine ziemlich gute Recyclingquote, laut dem Sachverständigenrat für Umweltfragen ließe sich das aber noch auf mindestens 65 Millionen Tonnen verwertbares Material steigern.

Auch technisch ist noch mehr drin: Die meisten Grün- und Bioabfälle werden kompostiert, wobei die enthaltene Energie nicht genutzt werden kann. Biogasanlagen wiederum holen nur ca. 20 Prozent der enthaltenen Energie aus den biogenen Reststoffen. Sind diese durch Krankheitserreger, Herbizide oder Plastikfolienteile verunreinigt, kann der Gärrest später nicht mehr zusätzlich stofflich recycelt und als Dünger ausgebracht werden.

Einige Kommunen, Landwirte und Unternehmen suchen daher nach weiteren Wegen, um ihre Restbiomasseaufkommen gerade auch mit Störstoffen wie Verpackungsresten optimal zu nutzen, Wertstoffkreisläufe zu schließen und CO2-Emissionen einzusparen. Die Stadt Baden-Baden beispielsweise hat in diesem Jahr damit begonnen, aus regionalen Biomasseaufkommen mit einer Karbonisierungs- und Aktivierungsanlage umweltfreundliche Aktivkohle herzustellen, die wiederrum in Abwasserreinigungsanlagen als Filtermedium zum Einsatz kommt. Ein weiterer Schritt, um das konventionelle Ausgangsmaterial Steinkohle zu substituieren.

Die schwedische Hauptstadt Stockholm verkohlt ebenfalls einen Teil ihrer anfallenden Grün- und Bioabfälle in modernen dezentralen Pyrolyseanlagen. Es entsteht dabei Wärmeenergie, die in ein Nahwärmenetz eingespeist wird, und Pflanzenkohle. Die kleinkrümelige, porenreiche Pflanzenkohle gilt als natürlicher und hervorragender Energie-, Wasser- und Nährstoffträger.

Seit mehr als zehn Jahren pflanzt Stockholm deshalb seine Stadtbäume in eine Mischung aus Kies und Pflanzenkohle. Die „grüne Kohle“ ist nicht nur viel poröser als Sand oder Ton, sie verdichtet nicht so schnell und sorgt dafür, dass Nährstoffe wie Phosphor oder Stickstoff länger für die Pflanzen verfügbar bleiben. In der EU ist Schweden zudem Vorreiter bei der Zulassung von karbonisiertem Klärschlamm als recyceltem Phosphor-Dünger in der Landwirtschaft. Schließlich ist der rare Mineralstoff begehrt und lebenswichtig. Gleichzeitig hat die Pyrolyse noch einen weiteren, immer wichtiger werdenden Nebeneffekt: Mit ihr lassen sich große Mengen CO2 substituieren.

Darauf setzt auch der Neckar-Odenwaldkreis, wo die „grüne Kohle“ seit Jahren ein entscheidender Baustein zur optimalen Biomasseverwertung ist. 20.000 Tonnen Grünschnitt fallen dort jährlich an und werden per Kompostierung und Karbonisierung zu Wärmeenergie und einem Nährhumus recycelt. Während mittels Kompostierung oder Vergärung rund 50 bis 100 kg CO2-Äquivalente pro Tonne Bioabfall eingespart werden können, substituiert die Pflanzenkohle mehr als das 10fache, da das CO2 beim Karbonisieren dauerhaft in den Kohlenstoff eingebunden wird. Zusätzlich wirkt sie dem Humusverlust der Böden entgegen, indem sie beispielsweise als Dünger oder Pflanzsubstrat Kohlenstoff in den Boden zurückbringt. Pflanzenkohle gilt deshalb laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC als wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Deutschland wird seinen CO2-Ausstoß bis 2020 nicht wie geplant um 40 Prozent reduzieren können und will deshalb Industrie und Landwirtschaft mehr zur Verantwortung ziehen. Schon allein dafür könnte es sich lohnen, das vorhandene Bioabfallpotential mit weiteren innovativen Recyclingtechniken zu heben.