Woher kommt Ihre persönliche „Faszination Erde“?

Offenbar war mir das in die Wiege gelegt. Ich war schon als Sechsjähriger großer Fan von Bernhard Grzimeks Filmen, hab mit seinen Büchern quasi lesen gelernt, und wusste schon ganz früh: „Sowas will ich machen!“

Sie drehen seit 25 Jahren Filme über die Natur. Kommen Sie manchmal an Drehorte zurück und denken „Das kann doch nicht wahr sein!“?

Ich komme sehr oft an Orte zurück, an denen ich vor 10, 15, 20 Jahren war, und es ist fast immer so, dass es sich zum Schlechteren entwickelt hat. Hier sind wieder weniger Elefanten am Wasserloch, dort ist wieder ein Stück Regenwald verschwunden - das Problem ist, dass das keine Einzelerlebnisse mehr sind. Das ist überall auf dem Globus so, wo ich auch hinreise. Es gibt ganz wenige Ausnahmen, wo Tourismus oder Naturschutzmaßnahmen dafür sorgen, dass Natur erhalten bleibt. Der globale Trend ist leider, leider sehr besorgniserregend.

Würden wir alle so denken, wenn wir mit eigenen Augen sehen würden, was Sie sehen?

Das würde bestimmt nicht schaden. Mich zumindest haben erst diese Erfahrungen zum Umweltschützer gemacht. Als ich mit Anfang Zwanzig angefangen habe, Filme zu drehen, hatte ich zwar großes Interesse an Naturthemen, war aber ganz bestimmt kein Aktivist.

Nehmen wir mal das Land Palau in der Südsee, mit dem ich besonders verbunden bin. Als ich da vor 25 Jahren das erste Mal Tauchen gegangen bin, hat mich das komplett geflasht; das war das „Unterwasser-Paradies“ auf Erden!

Es ist immer noch eins der schönsten Tauchgebiete der Welt, aber sogar da – am Ende der Welt - wird Mangrovenwald abgeholzt, illegal gefischt,  Sie sehen die Korallenbleiche, weil die Meere wärmer werden; Sie sehen die Fischer aus Taiwan und China, die illegal fischen. Die Fischschwärme werden kleiner, die Haie werden weniger, die Inseln werden immer mehr zugebaut. Und wenn Sie das selber erleben - als Augenzeuge des globalen Wandels -, dann hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man tut wahrheitswidrig so, als sei alles prima und macht weiter ausschließlich schöne Naturfilme. Oder man erzählt eben auch, was hinter der Kamera passiert - und das ist leider keine so schöne Geschichte. So bin ich eigentlich gegen meinen Willen Umweltschützer geworden.

Dass Nashörner und Eisbären bedroht sind, weiß jedes Kind – aber wie steht’s eigentlich um unsere eigene Flora und Fauna?

Diese „Botschafter“-Tierarten werden von Umweltschutzorganisationen – im guten Sinne - benutzt, um auf Missstände aufmerksam zu machen, das ist auch okay.
Aber seien wir doch mal ehrlich: Wenn der Eisbär morgen ausstirbt, ist das für Sie und für mich im Prinzip egal. Eisbären haben in unserem Ökosystem keine Funktion.
Viele andere Tierarten, die man nicht kennt - die vielleicht auch klein und hässlich und braun sind und stinken -,  sind in Wahrheit viel wichtiger. Oder denken Sie ans Insektensterben, dass ja immerhin vor einigen Monaten ein bisschen durch die Presse ging – da haben wir ein Riesenproblem!

Ist das Problem wirklich so riesig?

Sagen wir mal so: Das wird uns in Deutschland möglicherweise viel härter treffen als der Klimawandel. Wir haben in den letzten 30 Jahren bis zu drei Viertel aller Fluginsekten verloren. Schätzungsweise, denn exakte Zahlen gibt es gar nicht. Diese Insekten sind notwendig, um unsere Nahrungsgrundlagen zu erhalten! Denn wenn zu viele Fluginsekten verschwinden, dann können wir Landwirtschaft, so wie wir sie kennen, gar nicht mehr betreiben. Ohne Bienen keine Äpfel.

Wir reden hier also über wirklich existentielle Fragen.

Vom Bienensterben liest man oft als „großes Rätsel“, das man sich kaum erklären kann.

Ach! Das ist in Deutschland hauptsächlich ein landwirtschaftliches Problem. So ein gespritzter Maisacker ist ökologisch im Grunde nicht viel wertvoller als ein zubetonierter Parkplatz. Wir leben in Zeiten, in denen die Artenvielfalt in Städten wie Berlin oder Hamburg manchmal größer ist als in einigen ländlichen Regionen, wo Intensivlandwirtschaft betrieben wird. Die Produktivität von Bienen ist in der Stadt oft größer als auf dem Land! Das ist doch verrückt.

Wer hierzulande auf solche Probleme aufmerksam macht, steht schnell in der Ecke der „Eidechsenretter“ und „Tree-Hugger“…

Ich kann das verstehen. Wenn wir zwei uns über eine bestimmte Schwebfliege unterhalten, die vom Aussterben bedroht ist, während in den Nachrichten vom internationalen Terrorismus die Rede ist, dann ist natürlich nachvollziehbar, dass sich der Terrorismus erstmal bedeutender anfühlt. Aber wer anfängt, drüber nachzudenken, stellt fest: für uns hier persönlich ist die Naturzerstörung die viel größere Bedrohung.

Aber wenn es um unsere Existenzgrundlagen geht - was muss denn noch passieren, bis was passiert?

Die Katastrophe muss richtig weht tun, erst dann bewegt sich was. Aber jeder weiß: Je länger man mit Reparaturarbeiten wartet, umso teurer wird’s, das ist wie bei Ihrem Auto. Es regelmäßig zu pflegen, kostet wenig. Aber wenn die Karre erstmal durchgerostet ist, und dann müssen Sie zum TÜV? Viel Spaß. Denken Sie an die Sumatra-Nashörner. Es gibt nur noch etwa achtzig Tiere. Da werden einzelne Nashörner inzwischen mit dem Helikopter in spezielle Schutzzonen  geflogen, um sie zu retten. Und Reproduktionsmediziner versuchen mit Millionenaufwand, vom Aussterben bedrohte Nashörner zu befruchten. Hätte man sich alles sparen können, wenn man einfach hier und da ein Stück Urwald in Ruhe gelassen hätte. Und das hätte fast nichts gekostet.

Was braucht es noch, damit die Politik jetzt was tut?

Es ist zu einfach, immer nach den Politikern zu rufen. Jeder von uns hat hundert Mal am Tag die Wahl: wie Sie wohin fahren, wo Sie Urlaub machen, was Sie essen, was Sie anziehen, wie Sie Ihre Bude heizen. Wir müssen was machen, und dadurch entsteht politischer Druck. Ich meine, wir wollen doch eigentlich auch gar nicht „geführt“ werden – wir wollen doch die Politiker führen. Das ist doch die demokratische Idee! Wir müssen eine gesellschaftliche Stimmung erzeugen, in der es für Politiker Sinn macht, ökologische Entscheidungen zu treffen - und nicht umgekehrt.