Herr Thurn, für Ihre Filme reisen Sie um die ganze Welt, um unseren Umgang mit Lebensmitteln zu dokumentieren. Wie kam es zu dieser intensiven Auseinandersetzung? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Sagen wir besser: eine „familiäre Vorbelastung“. Meine Mutter hat nach dem Krieg intensive Hungererfahrungen gemacht, da war jedes Nahrungsmittel heilig und Wegwerfen eine Sünde. Das hat mich natürlich in der Erziehung geprägt. Aber wer braucht ein Schlüsselerlebnis? DIE HÄLFTE aller Lebensmittel „zwischen Acker und Teller“ wird vernichtet! Ich habe früh gedacht: „Da muss irgendwas falsch laufen, ich will verstehen, wie das funktioniert.“

Ein abstraktes Bewusstsein, dass viel verschwendet wird, haben wir wohl alle. Die tatsächlichen Zahlen haben nur wenige vor Augen. Welche Tatsache hat Sie bisher am meisten schockiert?

Dass schon die Landwirte so viel aussortieren und wegschmeißen müssen! 15 Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr werden weggeschmissen. Wir haben mit Bauern gesprochen, die fast die Hälfte ihrer Kartoffeln aussortieren. Und zu den Zahlen: Es gab ja keine Zahlen dazu in Deutschland. Nichts! 2009/2010 gab es kein Amt, keine Universität, niemand hat sich darum gekümmert. Da war eine ganz schöne Portion Hartnäckigkeit vonnöten – die Bauern wollten nicht als Nestbeschmutzer wahrgenommen werden, und die Supermärkte wollten aus Imagegründen nicht reden.

Hat sich seit „Taste the Waste“ (2010) denn etwas verändert? Können Dokumentationen, kann ein größeres Problembewusstsein überhaupt etwas verändern?

Na ja. Es stimmt, der Film war sehr erfolgreich im Kino, das Buch war ein Bestseller. Die Politik hat sich gemeldet, Studien wurden in Auftrag gegeben – auf Analyseseite ist da einiges passiert. Die Bundesregierung hat dann auch einen Preis „Zu gut für die Tonne“ ausgelobt, für zukunftsweisende Projekte, hat mich in die Jury berufen. Also das ist alles ganz interessant – aber wenn’s dann darum geht, wirklich wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu verändern, da ist Deutschland leider keineswegs Vorreiter. In anderen Ländern passiert sehr viel mehr, in Frankreich, in Italien, in Dänemark gibt es Gesetze, um die Lebensmittelverschwendung zu begrenzen. Deutschland hat sich da leider bisher vornehm zurückgehalten.

Warum ist das so?

Man könnte jetzt sagen: „Politische Gründe.“ Aber das stimmt auch nicht so ganz, denn es gibt ja Beispiele. In Frankreich wurde den Supermärkten einfach verboten, essbare Lebensmittel in die Mülltonnen zu schmeißen. In England wurde eine freiwillige Branchenvereinbarung gemacht: in zwei Jahren fünf Prozent weniger Lebensmittelverschwendung in den Supermärkten – und das hat man geschafft. Die nächste Runde ist schon vereinbart worden. Da geht also was, mit oder ohne Regulierungen. Es ist aber nichts passiert, und ich glaube, einer der Gründe ist, dass die Lobbys hier eingeschritten sind. Denn wenn wir weniger wegwerfen, wird weniger verkauft.

Das ist wahrscheinlich das „große Rad“, an dem da gedreht werden müsste.

Richtig. Diejenigen, die Qualität verkaufen, haben durchaus ein Interesse, die Preisspirale nach unten zu durchbrechen. Aber ein Branchenverband muss den kleinsten gemeinsamen Nenner vertreten, und der war wohl leider: „Wir wollen da lieber nichts machen.“

Was können wir Verbraucher tun? Nur noch „Bio“? Oder macht es keinen Unterschied, was wir als Einzelne machen?

Sagen wir mal so: Es ist weniger schlimm, ein Bio-Lebensmittel wegzuwerfen als ein konventionelles. Warum? Klingt erst mal absurd, denn Bio ist ja teurer, aber der Grund ist klar: Konventionelle Produktion verbraucht viel mehr Energie. Das ist gar nicht so sehr der Diesel im Traktor, sondern vor allem der Dünger, der auf die Felder kommt. Der Kunstdünger wird mit einem Wahnsinns-Energieaufwand hergestellt, und das dann wegzuwerfen, was die Umwelt schon so belastet hat, das ist dann umso schlimmer.

Mehr Informationen auf Foodsharing.de und Tastethewaste.de.