Idealerweise ist ein Produktlebenszyklus ein Kreislauf. Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Mit dem Begriff „Lebenszyklus“ an sich haben wir als Cradle to Cradle e. V. unsere Schwierigkeiten. Er ist symptomatisch für das Problem unserer aktuellen Produktionsweise: Leben impliziert auch immer Tod und darauf scheinen zurzeit unsere Produkte ausgelegt zu sein. Der Großteil landet auf Deponien und die eingesetzten Ressourcen gehen unwiederbringlich verloren. Solche End of Pipe-Ansätze bringen uns nicht weiter.

Der Fokus der Cradle to Cradle Denkschule und dem Designkonzept liegt auf Materialien, die kontinuierlich in Kreisläufen zirkulieren und daher immer wieder zu Produkten verarbeitet werden. Dafür brauchen wir ein innovatives sowie umwelt- und menschenfreundliches Produktdesign, das von Anfang an auf Kreislaufszenarien ausgerichtet ist! Eine entscheidende Voraussetzung ist die Materialauswahl, die sich danach richtet, für welchen Kreislauf das Produkt bestimmt ist. Wir definieren Produkte für die Biosphäre, also den Biologischen Kreislauf, die durch Abnutzung Material in ihre Umwelt abgeben, aber diese Stoffe dann auch zersetzt werden können. Innerhalb der Technosphäre, dem Technischen Kreislauf, zirkulieren Produkte, die sich im Nutzungsszenario nicht abnutzen und deren Materialien wir in gleichbleibender oder höherer Qualität wiederverwenden können.

Wie ist dies in der Industriebranche, aber auch im Alltag umsetzbar?

Unternehmen müssen Produkte von Anfang dafür gestalten, dass alle Materialien auch nach der ersten Nutzung nützlich bleiben. Nutzungsszenarien müssen im Vorfeld definiert werden, sie berücksichtigen die Umstände unter welchen das Produkt eingesetzt wird. Klingt selbstverständlich, ist es aber bisher oft nur zu einem unzureichenden Maß. Die Folge sind Produkte, die ungesund sind und dessen Materialien nicht auf Wiederverwertung ausgelegt sind. Tut man es doch, findet ein sogenanntes Dowcycling statt, bei dem die verwendeten Materialien immer stärker an Qualität einbüßen. Es geht auch anders: Cradle to Cradle formuliert eine grundlegend andere Herangehensweise, für deren Umsetzung sowohl die entscheidenden als auch die ausführenden Ebenen in Unternehmen an Bord sein müssen.

Im Alltag ist es momentan am wichtigsten, die Wahrnehmung der Cradle to Cradle Denkschule in der Gesellschaft zu fördern. Dafür muss entsprechende Bildungs- und Vernetzungsarbeit unterstützt und ausgebaut werden. Außerdem kann jeder aktiv werden und im eigenen Umfeld anfangen, die richtigen Fragen zu stellen und so Menschen zum Umdenken zu animieren.Eine weitere Möglichkeit ist es, Cradle to Cradle Produkte zu kaufen. Es gibt bereits in vielen Bereichen Alternativen!

Cradle to Cradle in den Fokus rücken und verständlich machen – was muss dafür getan werden?

Wir müssen die bestehenden Probleme in ihrer Dringlichkeit vor Augen führen, denn es ist bereits fünf vor zwölf! Es ist gar nicht so einfach mit dieser Botschaft Gehör zu finden, denn momentan herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art dauerhafter Krisenmodus und in dem Dschungel aus (Schein-)Lösungen verliert man leicht die Orientierung. Daher ist es wichtig komplexe Zusammenhänge und Problemlagen verständlich zu erklären und auf Fehlentwicklungen hinzuweisen. Für einen grundlegenden Wandel hin zu einer Gesellschaft, in der C2C selbstverständlich ist, müssen wir Akteur*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik zusammenbringen und für Cradle to Cradle begeistern.

Der Cradle to Cradle e.V. wurde 2012 von Ihnen gegründet. Welche Prinzipien verfolgen Sie seitdem und warum?

Ob Schüler*innen, Studierende, berufstätige Aktive oder pensionierte Ehrenamtliche – bei uns kann jeder aktiv werden. Wir schätzen jeden Input, brauchen jede helfende Hand und lassen große Gestaltungsfreiräume. Für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel sind Akteur*innen aus allen Disziplinen und mit den verschiedensten Hintergründen unabdingbar! Wir setzen auf Bildung, Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung. Durch unsere Arbeit sind wir zu der größten deutschen C2C Plattform geworden. Wir sind heute Anlaufstelle für C2C-Akteur*innen sowie Interessierte, helfen Netzwerke auszubauen und zu stärken und tragen mit unseren über 500 Ehrenamtlichen die C2C Diskussion in alle Regionen Deutschlands.

Was wird auf dem C2C Congress dieses Jahr fokussiert?

Dieses Jahr geht es auf unserem Congress schwerpunktmäßig um das Thema Bau und Architektur. Die Baubranche ist nach wie vor Hauptverursacher des Brutto-Abfallaufkommens in Deutschland, ein Wandel ist daher dringend notwendig. Als Expert*innen aus der Baubranche begrüßen wir unter anderem C2C Umsetzer wie Andreas Engelhardt von Schüco, Dr. Peter Mösle von Drees & Sommer und Christine Lemaître von der DGNB. Weitere spannende Akteur*innen sind die prämierte Designerin und Soziologin Dr. Leyla Acaroglu, Prins Carlos de Bourbon de Parme aus dem niederländischen Königshaus sowie C2C-Pionier Prof. Dr. Michael Braungart. Neben Bau und Architektur wird es in thematischen Panels auch um Plastik und C2C Best Practice-Bespielen gehen. Mit unserem weltweit größten C2C Congress haben wir eine Plattform für C2C-Innovation geschaffen, auf der sich die rund 1000 Teilnehmenden vernetzen, austauschen und weiterbilden.

Mit der Internationalisierung unseres diesjährigen Congress tragen wir außerdem der Tatsache Rechnung, dass nicht nur unsere Probleme, sondern auch unsere Lösungen in der heutigen Welt global sein müssen! Wir laden weltweit Akteur*innen und Interessierte ein, mit uns die C2C Vision einer lebenswerten Zukunft in die Tat umzusetzen.