Frau Wörner, was bedeutet für Sie „soziale Verantwortung“?

Verantwortung für die Gemeinschaft, in der man lebt, hat eigentlich doch jeder Mensch. Ich möchte sogar einen Schritt weiter gehen: Wir sind als Teile des Sozialen zum Engagement für die Gesellschaft aufgefordert, wenn wir die Möglichkeiten dazu haben. Dabei ist es in meinen Augen absolut selbstverständlich, dass dem Gegenüber auf Augenhöhe und gleichberechtigt zu begegnen ist.

Was sollte Ihrer Meinung nach jeder einzelne dafür tun?

Alle Menschen können sich mit ihren Möglichkeiten einsetzen: Der eine hat etwas mehr Kraft, andere können aus ihrer Lebenssituation heraus vielleicht etwas weniger bewegen. Aber jeder sollte spüren, dass es gut tut, zu helfen. Als Botschafterin für die Kindernothilfe kann ich vielleicht etwas mehr Augenmerk auf negative Situationen lenken, als andere. Aber jede Hilfe im Kleinen, jedes gute Wort, jeder unterstützende Euro ist ein Schritt in die richtige – und nebenbei notwendige – Richtung.

Wann haben Sie begonnen sich persönlich zu engagieren? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ein offenes Auge für die Sorgen und Nöte anderer begleitet mich, ehrlich gesagt, mein Leben lang. Aber die konkrete Tätigkeit als Botschafterin begann vor mehr als zehn Jahren. Der Anlass damals war die Tsunami-Katastrophe.

Was war ihr bislang beeindruckendster Moment?

Es gibt so viele Kinder, die so unglaublich stark sind und mutig und beeindruckend in ihrem Umgang mit dem eigenen Schicksal, da fällt es schwer etwas singulär herauszuheben. Aber beispielsweise zu erleben, wie wir mit dem Projektpartner RTL beim Spendenmarathon in nur einem Jahr Hilfe sichtbar machen konnten und wie ein Schutzhaus für missbrauchte und misshandelte kenianische Mädchen errichtet wurde – also ganz unmittelbar zu sehen, wie diese Unterstützung nachhaltig wirkt, das war schon großartig. Hier wurden mit Hilfe der Stiftung und der Fernsehzuschauer die Ergebnisse einer Spendensammlung ganz rasch konkret. Das war und ist immer wieder wunderbar.

Was war Ihr bisher emotionalster Moment?

Auch hier gilt: Es gab schon so viele guttuende Begegnungen, so viele Kinder, die meine Gefühle bis ins Mark berührt haben. Aber ein ganz besonderes Mädchen in Kenia zu erleben, das mit nur vier Jahren schlimme Vergewaltigungen und anschließende Operationen überlebt hat und nun wieder mit offenem Lachen durch das Schutzhaus rannte und spielte, das wird mich mein Leben lang begleiten.

Was der traurigste?

Tatsächlich fällt mir hier als erstes die extreme Dürrekatastrophe in Äthiopien im vergangenen Jahr ein: Die ausgemergelten Menschen, die mit Nahrungsmitteln versorgt wurden, die Gerippe der toten Ziegen, die den Nomaden eigentlich als einzige Einkommensquelle dienen. Aber außerhalb des Projektgebiets auch die mit Fäkalien verschmutzen Tümpel, aus deren Wasser die verzweifelten Mütter Babynahrung zubereiten wollten, weil sie selbst keine Muttermilch mehr hatten – das lässt einen nie wieder los.

Bitte erzählen Sie uns von den Projekten, die Ihnen am Herzen liegen.

Das Privileg, schon diverse Projekte  in Afrika und Asien kennen gelernt zu haben, macht eine Auswahl erneut wirklich schwierig, weil alle Projekte wichtig und für die Kinder lebensentscheidend sind. Daher sind sie mir auch alle ans Herz gewachsen: ob die Straßenkinder in Jakarta in Indonesien oder die Mädchen im Schutzhaus in Meru in Kenia. Aber enorm wichtig erscheint es mir, die sehr lange Entwicklung in den Blick zu nehmen, zum Beispiel in den genannten Dürregebieten in Ostafrika. Oft sieht man die konkreten Ergebnisse nicht so leicht und so schnell. Doch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit muss auch auf wichtige Dinge gelegt werden, wenn das Medieninteresse schon wieder abgeebbt ist.

Im vergangenen Jahr wurden Sie, für ihr langjähriges Engagement, mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Was bedeutet diese Auszeichnung
für Sie?

Natürlich hat mich diese Anerkennung enorm gefreut. Sie ist für mich aber zugleich auch eine klare Aufforderung engagiert und mit großem Aufwand weiter zu machen. Ich interpretiere das Bundesverdienstkreuz quasi als Ansporn für die Zukunft.

Welche Projekte planen Sie denn in Zukunft, beziehungsweise was wollen Sie im kommenden Jahr festigen/erreichen?

Wichtig ist es, dass die Hilfe in den vielen Krisenherden dieser Erde weitergeht, auch wenn die Kameras längst ausgeschaltet sind. Wenn beispielsweise die erste Nothilfe für die hunderttausende aus Myanmar geflüchteten Rohingya im Grenzgebiet von Bangladesch strukturiert und organisiert ist – wie geht der Konflikt dann weiter? Was passiert mit den Kindern und ihren Familien? Da möchte ich unbedingt dranbleiben und nach Kräften helfen, sinnvolle Lösungen mitzugestalten.