Sie sind Sexualberaterin für Menschen mit Behinderungen. Was genau machen Sie in Ihrer Beratung?

Als psychologische Beraterin arbeite ich nach der Methode des Peer Counseling. Dabei beraten Betroffene andere Betroffene. In meiner Kindheit wurde bei mir selbst fortschreitender Muskelschwund diagnostiziert.
Ich berate Einzelpersonen und Paare, sowohl körperlich, als auch geistig behinderte. Außerdem arbeite ich mit Institutionen zusammen, halte Vorträge und habe den weiteren Schwerpunkt Sexualerziehung von Kindern und Jugendliche in der Pubertät.

Mit welchen Problemen kommen Betroffene zu Ihnen?

Mit ganz unterschiedlichen. Sie fragen sich: Bin ich gut genug für meinen Partner? Bin ich schön genug? Was bedeutet es überhaupt, gut im Bett zu sein? Viele mögen sich nicht, weil sie Probleme mit ihrer Behinderung haben. Es gibt aber auch Paare, bei denen beide behindert sind. Sie sind sehr stark eingeschränkt und brauchen fremde Hilfe, um überhaupt Geschlechtsverkehr zu haben. Viele jungen Männer hatten noch keinen Sex, wollen ihn unbedingt ausleben, wissen aber nicht wie.

Menschen mit und ohne Behinderung haben meistens dieselben Fragen und Wünsche.

Einige Punkte klingen nach Problemen, die auch Menschen ohne Behinderung haben.

In der Tat. Menschen mit und ohne Behinderung haben meistens dieselben Fragen und Wünsche. Auch beim Thema Liebeskummer, bei dem einem Ex-Partner nachgeweint wird, sind die Probleme ähnlich. Behinderte neigen nur leider dazu, ihre Behinderung für ihre Probleme verantwortlich zu machen. Mit ihr haben sie einen Grund. Menschen ohne Behinderung haben diesen vermeintlichen Grund nicht und analysieren sich eher selbst.

Wie können Sie mit Ihrer Beratung helfen?

Ich verstehe mich als Katalysator und Wegbegleiter. Ich möchte, dass sich die Betroffenen langfristig selbst helfen können und neue Wege finden. Dafür schaue ich mir ihre Lebensgeschichte und ihr Umfeld an, wie sie denken und leben und wo es Blockaden gibt, die wir gemeinsam lösen können. Manchmal berate ich auch bei den Betroffenen vor Ort.

Mit welchen Methoden gehen Sie dabei vor?

Ich gebe zum Beispiel Erotik-Workshops für Frauen, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Am Freitag kommen erst graue Mäuschen zur Tür herein. Am Samstag machen wir ein Fotoshooting. Die Fotos lassen sie sich in einem neuen Licht sehen. Sie bewirken einen Perspektivenwechsel. Und am Sonntag gehen sie als kleine Diven und stolze Schwäne wieder zur Tür heraus. Das ist auch für mich ein sehr schönes Gefühl.

Sie stärken dadurch vor allem das Selbstbewusstsein.

Genau. Wichtig ist immer der Perspektivenwechsel im Kopf. Viele Menschen, auch die ohne Behinderung, betrachten leider immer nur, was alles nicht möglich ist. Stattdessen sollte man schauen, welche Stärken eine Person hat und was sie gut kann. Besonders in der Partnerschaft ist das wichtig.

Entscheidend ist die Frage: Was kann ich meinem neuen Partner emotional bieten und wie wertvoll bin ich für ihn? Auch das versuche ich mit den Betroffenen herauszuarbeiten. Gerade Behinderte haben oft ganz feine Antennen oder sind sehr kreativ im Lösen von Problemen.

Stoßen Sie in Ihrer Beratung auch an Ihre Grenzen?

Wenn ich auf der mentalen Ebene nicht weiterkomme, hole ich mir Sexualbegleiterinnen hinzu. Sie können auf der rein körperlichen Ebene Weiteres bewirken. Gegen Geld wird hier eine gemeinsame Zeit der Sexualität gekauft. Viele Betroffene lernen dadurch, dass sie keine Angst vor Nacktheit haben müssen, weil sie körperlich angenommen werden. Sie merken, dass sie eine Partnerin befriedigen können. Auch bei Autisten, die körperlichen Kontakt vermeiden, haben wir hier schon erstaunliche Fortschritte erlebt.

Wie sind Sie selbst auf das Thema Sexualberaterin gekommen?

Meine Schulfreunde nannten mich bereits das „Doktor-Sommer-Team“. Ich wollte schon früh viel über Sexualität wissen und war auch an der Wissenschaft darüber interessiert. Ich bin auch relativ normal mit Sexualität aufgewachsen  und war überrascht, dass andere damit Probleme haben.