Inklusion von Menschen mit Behinderungen: Wie ist Ihrer Meinung nach der aktuelle Stand?

Das ist eine riesige gesamtgesellschaftliche Herausforderung und wir im Deutschen Behindertensportverband können mit unseren Athletinnen und Athleten wie auch mit unseren mehr als 640.000 Mitgliedern in den über 6.200 Vereinen und den vielen Tausend Übungsgruppen zeigen, dass Inklusion viel mehr möglich ist, als manche Leute sich vorstellen können. Inklusion findet ihre Grenzen, wo Barrieren sind.

Bitte gehen Sie näher darauf ein.

Neben den natürlichen Barrieren, wie Treppen, Stufen, zu engen sanitären Anlagen und fehlenden Aufzügen, ist das Hauptproblem die Barriere in den Köpfen.

Wie können diese minimiert werden?

Nur durch Beispiele und durch das praktische Vorleben kann man zeigen, was alles möglich ist, und so diese Kopfbarrieren mehr und mehr minimieren. Gemeinsame Sportkreise sind ein möglicher Weg. Ein sehr gutes Sportbeispiel ist der Rollstuhlbasketball, denn dieser kann gleichermaßen von Menschen mit und ohne Behinderung gespielt werden – bis hin zur Bundesliga.

Kopfbarrieren abbauen ist möglich – das war eine der schönsten Botschaften der Paralympics in Rio.

Auch beim Sitzvolleyball können auf nationaler Ebene Sportler ohne Handicap mitmachen. Sport ist ein Inklusionsmotor und zeigt nicht nur in der Theorie, wie das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen möglich ist, sondern praktiziert das auch tagtäglich.

Ein aktuelles Beispiel sind die Paralympics, die Sie als Delegationsleiter hautnah vor Ort mitverfolgen konnten. Bitte schildern Sie Ihre Eindrücke aus Rio.

All die Eindrücke in der Kürze der Zeit wiederzugeben, ist natürlich schier unmöglich, doch eines war sehr signifikant und unterschied sich von den Olympischen Spielen: Die Paralympics wurden zu Spielen des Volkes.

Bitte erläutern Sie dies genauer.

Volle Hallen, volle Stadien, sportbegeisterte Brasilianer – jeder konnte teilnehmen. Das war der große Unterschied. Denn die Tickets für Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen konnte sich kein Brasilianer leisten.Wer am Ende des Monats nicht weiß, ob er seinen Lohn erhält, was die reale Wirtschaftssituation in Brasilien darstellt, kauft sich nicht für 300 Euro eine Karte, sondern sichert das Leben und Überleben seiner Familie.

Auch wir in Deutschland haben bei den Themen Inklusion und Barrierefreiheit noch großen Handlungsbedarf.

Aus diesem Grund waren die Stadien größtenteils leer, was ich als sehr bedauernswert und teilweise sogar unwürdig in Anbetracht der Leistungen der olympischen Sportler empfunden habe. Daraus hatte man aber offensichtlich gelernt und die Preise bei den Paralympics rigoros heruntergesetzt, sodass sich auch Einheimische mit geringem Einkommen und Familien Karten für die Wettkämpfe leisten konnten.

Und genau diesen ist es zu verdanken, dass eine unvergleichliche Gänsehautatmosphäre herrschte, durch die unsere Sportler Höchstleitungen abrufen konnten und von der Begeisterungswelle getragen wurden.

Der perfekte Moment, um Kopfbarrieren abzubauen.

Absolut. Als die Zuschauer staunend und mit offenen Mündern die Höchstleistungen der Athleten verfolgt haben und in unbeschreiblichen Jubel ausbrachen, traten Handicaps in den hintersten Hintergrund.

Kopfbarrieren abbauen ist möglich – das war eine der schönsten Botschaften der Paralympics in Rio. Was man bei all dem Jubel aber nicht verschweigen darf, ist, dass die Situation für Menschen mit Behinderungen vor Ort nicht besonders gut ist.

Inwiefern?

Barrierefreiheit ist eine Art Fremdwort – viele Treppen, kaum Aufzüge, keine Signale für Sehbehinderte. Und Menschen mit körperlichem Handicap, die in den Favelas leben, sind zur Bewegungsunfähigkeit verdammt.

Die Erfahrung zeigt aber, dass in den Spielstätten der Welt, an denen zuvor die Paralympics stattgefunden haben, die Menschen mit Behinderungen danach anders wahrgenommen wurden und dann auch endlich etwas für sie getan wurde. Das erhoffen wir uns auch für Rio de Janeiro und für Brasilien.

Das wäre sehr wünschenswert. Was wünschen Sie sich persönlich?

Dass die inklusive Wirkung von Sport stärker erkannt wird und auch genutzt wird. Und jeder von uns sollte sich die Frage stellen, was gehen kann, und nicht immer nur vermeintlich erkennen, dass etwas nicht gehen kann.

Auch wir in Deutschland haben bei den Themen Inklusion und Barrierefreiheit, gerade auch hinsichtlich behindertengerechter Sportstätten, noch großen Handlungsbedarf.