Als die internationale Staatengemeinschaft im Jahr 2000 globale Maßnahmen für einen Weg aus der Armut vereinbarte, hat sie jeden fünften der weltweit ärmsten Menschen übersehen: Menschen mit Behinderungen. Sie werden in den Millenniumsentwicklungszielen (MDG) nicht berücksichtigt.

Im Jahr 2015 wird eine neue globale Entwicklungsagenda verabschiedet. Eine einmalige Gelegenheit, aus den Fehlern zu lernen. Interview mit Nagarathna Subramanya. Inklusion ist das Thema, für das sie sich als Landesdirektorin einer Entwicklungshilfeorganisation für Sri Lanka einsetzt.

Frau Subramanya, Sie selbst leben mit einer Behinderung. Bitte erzählen Sie uns mehr darüber.

Mit drei Jahren bin ich an Polio, der Kinderlähmung, erkrankt. Als Folge der beidseitigen Lähmung bin ich gehbehindert, doch durch Gehhilfen kann ich laufen. Ich wuchs als fünftes Kind eines Bauern auf dem Land im südindischen Bundesstaat Karnataka auf.

Welche Hindernisse mussten Sie aufgrund Ihrer Behinderung überwinden und wie haben Sie das geschafft?

In Bezug auf Gesundheit, Bildung und Arbeitssuche ist das Leben für Menschen mit jeder Art von Behinderung eine Herausforderung. Als Mädchen ist es besonders schwierig, sozial akzeptiert zu werden. Als ich fünf Jahre alt war, konnten meine Geschwister alle zur Schule gehen, während meine Zulassung abgelehnt wurde.

Meine Tante verschaffte mir dann einen Platz im Cheshire-Heim für Menschen mit Behinderungen in Bangalore, und die Heimleitung suchte nach einer Schule im Umkreis, die ich besuchen könnte. Nach langem Hin-und Her schaffte es Veronica Das, die Sekretärin des Heims, dass ich einen Platz in der Adventistenschule gleich gegenüber bekam, was meine Familie und mich sehr glücklich machte.

Waren Sie die einzige Schülerin mit einer Behinderung?

Ja, von 800 Schülern war ich die erste mit einer Behinderung. Anfangs fand ich keine Freunde, und die Lehrer schlossen mich von vielen Aktivitäten aus. Eines Tages sagte ich der Sekretärin Das, dass ich die Schule nicht mochte. Das war der Tag, an dem ich zu lernen begann, mich für meine Rechte einzusetzen und die Gesellschaft infrage zu stellen. 

Frau Das erklärte mir, dass nichts in dieser Welt einfach und problemlos sei: Versuche herauszufinden, warum es nicht zu ändern ist und suche selbst nach Lösungen. Rede mit deinen Klassenkameraden und zeige ihnen, dass du mit ihnen spielen kannst, und finde Freunde.

Sage nie, du kannst das nicht. Wenn du überall mitmachst, lernst du andere Kinder kennen und du wirst lernen, mit ihnen zurechtzukommen. Das war meine erste Lektion da-rin, meine Herausforderungen zu meistern. Von diesem Tag an nahm ich an allen Aktivitäten teil, und von Klasse sechs bis zwölf wählten mich Schüler und Klassenlehrer zur Klassensprecherin. Als ich von der Schule ging, gab es bereits 39 Schüler mit Behinderungen.

Heute setzen Sie sich mit Krücken, Sari und Turnschuhen für mehr Inklusion in Südasien ein. Wie kam es dazu?

Dies ist in erster Linie den Menschen zu verdanken, die mich unterstützt und gefördert haben. Doch das war nicht immer leicht. Jeder Schritt war eine Herausforderung, egal ob es um Verhaltensweisen, Verständnis, Barrierefreiheit, Reisen oder Unterkunft ging. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Heute bin ich ein ziemlich selbstständiger Mensch. Ich reise zu Partnerorganisationen und erkläre die Bedeutung von Barrierefreiheit und Inklusion.

Welche Forderungen genau stellen Sie an die Bundesregierung im Zusammenhang der globalen Entwicklungsagenda?

Ich fordere gemeinsam mit der Entwicklungshilfeorganisation, für die ich tätig bin, die deutsche Bundesregierung dazu auf, sich für eine inklusive weltweite Entwicklungsagenda einzusetzen. Nur so können wir eine gerechtere und inklusive Welt schaffen, in der jeder von Entwicklung profitiert – auch benachteiligte Gruppen wie Menschen mit Behinderungen. Das bedeutet: Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen müssen explizit in allen Zielen berücksichtigt werden, die für sie relevant sind.

Die Ziele der Agenda müssen mit konkreten Indikatoren für die Inklusion behinderter Menschen und anderer benachteiligter Gruppen versehen werden. Das heißt, dass messbar sein muss, ob die Ziele auch für Menschen mit Behinderungen erreicht worden sind. Neben der Armutsbekämpfung müssen auch Bildung, medizinische Versorgung und Beschäftigung eine wichtige Rolle spielen.

Es müssen außerdem systematisch Daten erhoben werden, die die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen beschreiben. Die Agenda muss auch Gleichheit und Nichtdiskriminierung berücksichtigen.

Die Rechte von Menschen mit Behinderungen müssen als Menschenrechte anerkannt werden. Alle Regierungen müssen sich verpflichten, eine nachhaltige Entwicklungspolitik umzusetzen, die barrierefreies Bauen, inklusive Katastrophenvorsorge und Sozialdienste und eine sichere, gesunde Umwelt für alle, auch für Menschen mit Behinderungen, gewährleistet.

Was wünschen Sie sich persönlich für die inklusive Zukunft?

Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Menschen gleich sind und die alle Menschen einschließt – denn das ist das Recht eines jeden Menschen. Um das zu erreichen, müssen wir an Folgendem arbeiten: Menschen mit und ohne Behinderungen müssen ihre Einstellungen ändern. Wirklich jeder sollte sensibilisiert werden und sich verantwortlich fühlen. Das ist es, was inklusive Entwicklung ausmacht.

Die Programme von Entwicklungshilfeorganisationen sollten inklusiv sein und Behinderung sollte eines ihrer Kernthemen sein. Internationale Nichtregierungsorganisationen sollten in ihren Statuten verankern, dass Menschen mit Behinderungen in allen Programmen, Budgetvorgaben und Richtlinien einbezogen werden. Selbsthilfeorganisationen sollten eine wichtige und aktive Rolle dabei spielen, Inklusion als Teil der Entwicklungsarbeit zu etablieren. Behinderung muss bei den Menschenrechten berücksichtigt werden.

Es ist entscheidend, dass Behinderung als Teil der menschlichen Vielfalt wahrgenommen wird. Sowohl gemeinnützige Institutionen als auch die Privatwirtschaft sollten Menschen mit Behinderungen nicht nur als Almosenempfänger oder Fürsorgefälle betrachten.

Vielmehr sollte es darum gehen, das Thema auch abseits der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung als Teil der Unternehmenswerte zu beachten, bei der Personalgewinnung zum Beispiel. Wir müssen die Regierungen ermutigen, inklusive Richtlinien und Programme auf den Weg zu bringen. Ich glaube an ein menschenwürdiges Leben-und-leben-lassen – nicht an Almosen.