Vier plus drei? Unlösbar, findet Daniel. Seine Tischnachbarin Julia hadert mit dem Buchstaben M. Beide Erstklässler haben Lernschwierigkeiten - und gehen in eine Regelschule. In der Klasse nebenan lernen Schüler mit und ohne Behinderung zusammen. Das gemeinsame Lernen von Kindern ist eine Form der Inklusion.

Seit 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland rechtkräftig wurde, darf niemand mehr aufgrund seiner Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden.  Aber kann das überhaupt funktionieren? Ja, sagen die Schulen, die es praktizieren - bisher sind es aber noch wenige.

Großer Nachholbedarf

Noch bekommt Deutschland schlechte Noten bei der Pflichtaufgabe Inklusion: Nur rund 20 Prozent von bundesweit 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf lernen an einer Regelschule. International sind es 85 Prozent. „Bei der Inklusion sind wir erst am Anfang in Deutschland - und Schlusslicht in Europa", kritisiert Prof. Dr. Andreas Hinz, Mitglied im Expertenkreis der UNESCO-Kommission.

Beim gemeinsamen Lernen kommen die Bundesländer unterschiedlich schnell voran. Während Schleswig-Holstein vorne liegt, haben Niedersachsen und Hessen großen Nachholbedarf und NRW liegt mit rund 15 Prozent weit unter der durchschnittlichen Quote.

Vorbehalte ablegen

Hinzu kommt, dass viele Eltern Vorbehalte gegen den gemeinsamen Unterricht haben - vor allem, wenn es um kognitiv eingeschränkte oder verhaltensauffällige Kinder geht. Die Eltern sorgen sich, dass ihre leistungsstarken Sprösslinge ausgebremst würden. „Zudem bestehen oft Berührungsängste. An diesem Punkt ist es wichtig, dass Vorurteile abgebaut werden und ein direkter Kontakt zustande kommt.

Die Aktion Mensch rückt beispielsweise mit ihrer derzeitigen Kampagne in die Öffentlichkeit (Anm. d. Redaktion), dass schulische Bildung eine Selbstverständlichkeit für jeden sein kann wird – auch für Kinder mit Förderbedarf“, sagt Martin Georgi, einer der beiden Vorstände der Aktion Mensch. „Zudem unterstützen wir in einzelnen Projekten beispielsweise die inklusive Nachmittagsbetreuung.“

Besonders wichtig ist es, an diesem Punkt auch auf den Familienratgeber und das Praxisheft für Lehrer zur schulischen Inklusion hinzuweisen. Die Homepage www.familienratgeber.de ermöglicht es Menschen mit Behinderung und ihren Familien Ansprechpartner in Wohnortnähe und Hilfe zu Themen wie Recht, Bildung oder Familienleben zu bekommen.

Das kostenlose Praxisheft „Inklusion: Schule für alle gestalten" können Lehrer kostenlos auf der Homepage der Sozialorganisation bestellen oder als PDF herunterladen. Es gibt Anregungen für inklusive Ansätze bei der Unterrichtsplanung, der Leistungsbeurteilung und in der Elternarbeit.

Inklusion im Kopf

Es ist Nachmittag geworden. Daniel, Julia und ihre Mitschüler Lars und Claudia sitzen lachend zusammen und basteln ein Tierplakat. Für sie ist es normal, auch ihre Freizeit zusammen zu verbringen. Sie sind Freunde und dies ist so selbstverständlich, wie es für jeden Bundesbürger sein sollte. Denn: Inklusion hört nicht mit der letzten Schulstunde auf, Inklusion beginnt in den Köpfen.