Früh hat sie begonnen, das Handicap mit anderen Stärken auszugleichen.

Sie sagten einmal, das Sehen oder das Sichtbare hat für Sie trotz Ihrer Blindheit große Bedeutung. Bitte gehen Sie näher darauf ein.

Besonders auf der Bühne, bei Shows, geht es mir auch darum, visuell zu erzählen. Mir ist es wichtig, dass die Leute etwas zum Anschauen haben. Darum arbeite ich sehr viel mit Körpersprache. Natürlich ist es mir auch wichtig zu wissen, wie Dinge oder Gegenstände aussehen – das lasse ich mir dann auch beschreiben. Dennoch bin ich überzeugt, dass es viele Dinge gibt, die niemand sieht, die aber von genauso großer Bedeutung sind.

Inwiefern?

Gefühle und Ausstrahlung sind nicht sichtbar. Wenn ich jemandem begegne, sehe ich ihn auf meine Weise. Man kann Schönheit spüren. Ich berühre dabei Menschen aber nicht mehr, als es für jeden üblich ist. Am Handschlag allein merkt man jedoch schon unglaublich viel. Ich habe dafür einen fünften Sinn.

Man sollte als Mensch mit Handicap nicht erwarten, dass alle immer offen sein müssen. Wir sollten Menschen gegenüber genauso offen sein.

Was wissen Sie über Ihr Handicap?

Es ist bei mir eine seltene Form des Sehnervschwundes. Das bedeutet, ich kann Licht und Schatten wahrnehmen. Darum ist mir jede Form von Licht auch sehr wichtig. Da der Sehnerv direkt mit der Information des Gehirns verbunden ist, gibt es aber noch keine Heilung.

Können Sie sich daran erinnern, wie Sie begriffen haben, dass Sie sich die Welt anders verbildlichen oder vorstellen müssen als andere Kinder?

Ich wollte wissen, wie etwas aussieht, und ich hatte durch die Hilfe von ertastbaren Modellen dann Bilder im Kopf. Durch Erfühlen habe ich die Welt kennengelernt – anfassen und vorstellen. Ich habe aber auch sehr schnell gemerkt, dass ich andere Stärken habe und haben muss. Ich bin aber trotzdem auch durch die Gegend gelaufen und auf Bäume geklettert. Meine Eltern haben mir alle Freiheiten gewährt. Ich saß nicht herum, weil sie Angst hatten – eher umgekehrt.

Wie kam es, dass Sie Sängerin wurden?

Bei uns zu Hause wurde immer viel musiziert, meine Großmutter hat hervorragend Klavier gespielt. Seit ich denken kann, habe ich gern gesungen. Auch meine Zeit im Chor habe ich sehr genossen. Dort wurde auch meine Musikalität erkannt und zusätzlich gefördert. Vor Soloauftritten war ich aber immer sehr nervös, doch sobald die ersten Töne erklangen, war dies wie weggeblasen und ich konnte ganz in die Welt der Töne eintauchen und alles um mich herum vergessen.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen im Alltag?

Ich habe früh bemerkt, dass ich für manche Dinge mehr Energie brauche und andere nicht einfach nebenbei machen kann. Ich habe heute einen Alltag, der anders ist als der vieler Menschen. Jeder Tag ist anders und woanders, dafür muss ich mich sehr disziplinieren. Da merke ich dann, dass ich nicht sehen kann. An normalen Tagen merke ich es dagegen gar nicht. Ich bin sehr selbstständig erzogen worden.

Als Sängerin reisen Sie sicherlich viel. Wie meistern Sie das?

Durch meinen Beruf habe ich ein eher unstetes Leben und bin auch viel unterwegs. Bei der Bahn wird man sehr gut unterstützt. Fliegen ist sogar noch einfacher, da man an einem bestimmten Punkt abgeholt, in das Flugzeug gebracht und auch wieder hinausbegleitet wird. Dadurch sind für mich auch Reisen nach Amerika kein Problem.

Natürlich brauche ich vor Ort immer einen Begleiter, der die logistischen Dinge organisiert. Doch das ist auch bei sehenden Künstlern normal, dass sie ein Manager begleitet. Dennoch versuche ich, alles so gut wie möglich autonom zu machen.

Was möchten Sie Betroffenen mit auf den Weg geben?

Ich wünsche jedem, dass er seinen inneren Frieden und eigenen Lebensleitfaden findet. Natürlich ist auch ein stabiles und tolles Umfeld wichtig. Man muss immer bei sich bleiben, ehrlich und offen sein. Man sollte als Mensch mit Handicap nicht erwarten, dass alle immer offen sein müssen. Wir sollten Menschen gegenüber genauso offen sein.

Nur dann kann man aufeinander zugehen und sich helfen. Wenn man sehr introvertiert oder unsicher ist, überträgt sich das auf das Gegenüber. Umso wichtiger ist, dass wir lernen zu signalisieren, was uns wichtig ist. Auf einer Ebene kommunizieren – Handicap hin oder her.

Bitte erzählen Sie uns von Ihren aktuellen Projekten.

Ich habe gerade ein Buch geschrieben, „Blind Date – Die Welt mit meinen Augen sehen“. Da es mir sehr wichtig war, ein barrierefreies Buch auf den Markt zu bringen, habe ich es nun auch als Hörbuch veröffentlicht. Aktuell bereite ich gerade zwei Alben vor. Ein englisch- und ein deutschsprachiges.

Es ist mein erstes Mal, dass ich in deutscher Sprache singe. Dabei handelt es sich um die Vertonung von Michael-Ende-Texten. Das gab es noch nie, und darauf bin ich sehr stolz.