Derzeit leben 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Im Jahr 2100 sind es voraussichtlich 11,2. Wird diese Entwicklung immer so weitergehen, oder wird die Bevölkerung sich auf einem bestimmten Stand einpegeln?

In dieser Frage stecken eigentlich viele Fragen auf einmal. Erst mal zum „Einpegeln“: Dahinter steht die Vorstellung einer Bevölkerung, die nicht wächst und nicht zurückgeht – das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann. Ich denke aber, das ist ein Zustand, der nie erreicht wird. Es gibt und wird immer Schwankungen geben nach oben oder unten, wir sprechen daher eher auch von Bevölkerungsdynamik. Und ganz grundsätzlich tun wir immer gut daran festzuhalten, dass jede  Prognose immer nur eine Annahme darstellen kann, eine Annahme über zu erwartende Sterbe- und Geburtenfälle. Da kann es nur Schätzungen geben, auch wenn wir beim Schätzen immer besser werden.  

Wenn wir die globale Bevölkerungsentwicklung betrachten, wird sicherlich irgendwann ein Maximum erreicht werden. Was sich definitiv feststellen lässt, ist, dass die Vorhersage noch Anfang dieses Jahrtausends lautete: Gegen Mitte dieses Jahrhunderts erreichen wir diesen „Peak“. Davon hat man inzwischen Abstand genommen. Jetzt geht man davon aus, dass diese Spitze sich weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts verschiebt.

Auch die Zahl 11,2 Milliarden ist nur eine aktuelle Annahme. Ich weise darauf hin, weil diese Schätzung vor allem in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung in Afrika in den letzten zehn Jahren ziemlich stark geschwankt hat. Ein entscheidender Faktor bei der Frage „Wie viele Menschen trägt die Erde?“ ist nämlich auch die regionale Schnelligkeit des Wachstums. So ist Asien immer noch der mit Abstand bevölkerungsreichste Teil der Welt – aber nicht mehr der am schnellsten wachsende.

Während Afrikas Bevölkerung vor 25 Jahren noch so groß war wie die Europas (um die 700 Millionen), leben dort heute etwa 1,2 Milliarden Menschen. Und wir gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung Afrikas bis zum Ende des Jahrhunderts fast vervierfachen wird. Das ist eine recht neue Erkenntnis. In meinen Augen wird dieses Wachstumspotenzial Afrikas international noch nicht klar genug gesehen.

Wie kann das denn sein?

Falsche Annahmen. Die Annahmen darüber, wie schnell die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau zurückgeht, waren einfach falsch. Die Fertilität geht nicht so schnell zurück, und vor allem: Es gibt in Afrika immer noch sehr, sehr viele Teenagerschwangerschaften. Mit 13, 14 Mutter zu werden, ist keine Seltenheit. Das heißt, wenn hier in Deutschland die Frauen mit 28 oder 30 ihr erstes Kind bekommen, dauert es wiederum recht lange, bis die nächste Generation geboren wird.

In Afrika sind da viele Mütter schon Großmütter. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Die 11,2 Milliarden sind in diesem Sinne eine eher konservative Schätzung, die davon ausgeht, dass die Geburtenrate auch in Afrika zurückgeht. Ob das eintreten wird, hängt wiederum auch von politischen Entscheidungen ab.

Wie viele Menschen passen denn aller-, allerhöchstens auf den Planeten? Könnten theoretisch auch 30 Milliarden überleben, wenn alle nur Algen und Insekten essen würden?

(Lacht) Also zunächst einmal, wir sind kein Forschungsinstitut; jedenfalls beschäftigen wir uns nicht mit Science-Fiction oder  irgendwelchen utopischen Szenarien. Die Frage ist zwar ganz interessant: Wenn Sie alle Menschen nebeneinanderstellen würden, würde das gar nicht so viel Platz einnehmen, ungefähr 60 mal 60 Kilometer, quasi Berlin und Umland.

Die Frage ist jedoch nicht besonders zielführend. Denn wie viele Menschen auf der Erde leben können, hängt hauptsächlich davon ab, wie sie leben. Wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie wir in Deutschland, dann könnten wir wirklich einpacken! Trotzdem darf niemandem das Recht auf Fortschritt und ein besseres Leben verweigert werden. Aus meiner Sicht bleiben das Zahlenspiele, es sind einfach zu viele Unbekannte in der Rechnung. Aber wir können schon jetzt festhalten, dass unser Lebensstil auf Dauer nicht tragfähig ist.

Lässt sich die Weltbevölkerung insgesamt überhaupt beeinflussen? Gibt es überhaupt theoretisch international wirksame „Hebel“?

Durchaus! Zahlreiche Studien belegen, dass Frauen weltweit weniger Kinder bekämen, wenn sie entscheiden könnten. Mehr Gleichberechtigung sowie ein verbessertes Bildungs- und Gesundheitssystem, das ein umfassendes Angebot an Verhütungsmöglichkeiten enthält, würden die hohe Zahl von ungewollten Schwangerschaften deutlich verringern und damit das jährliche Weltbevölkerungswachstum von heute mehr als 80 Millionen Menschen um ein Viertel senken.