Herr Wickert, können Sie eigentlich noch Japanisch?

Leider nicht mehr! (lacht) Als Kind hab ich tatsächlich fließend Japanisch gesprochen, mein Vater war Attaché in Tokio, mein Bruder und ich haben nur mit japanischen Kindern gespielt. Aber wir sind dann nach Heidelberg gezogen, als ich viereinhalb war, also bis auf wenige Wörter ist das leider alles weg. Wieso fragen Sie?

Ihre Stiftung setzt sich weltweit für die Rechte von Kindern ein. Ich frage mich, welche Rolle ihre eigene Kindheit dabei vielleicht gespielt hat.

Die Kindheit spielt natürlich grundsätzlich eine riesengroße Rolle für das ganze spätere Leben. Unsere Eltern haben uns sehr liberal erzogen, und dazu gehörte auch, dass wir schon als Kinder ernst genommen wurden. Ich denke, das ist etwas ganz Wichtiges. Später, ich hab zu der Zeit in den USA studiert, hat mich dann vor allem John F. Kennedy beeindruckt und sein Satz „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann - frag, was du für dein Land tun kannst!“ Zurück in Deutschland hab ich gleich angefangen, mich politisch zu engagieren. Nicht unbedingt parteipolitisch, eher im Sinne sozialer Verantwortung. Man kann sich doch nicht nur um sich selbst kümmern – die Gesellschaft, in der man lebt, gehört zum eigenen Leben dazu! Insofern kommen mein Engagement für Kinderrechte und die Ulrich Wickert Stiftung im Prinzip nicht von Ungefähr; in der Praxis hat sich das aber eher im Laufe der Zeit so ergeben.

Erzählen Sie mal, wie ergibt sich sowas?

Als ich bei den Tagesthemen anfing, fragte mich eine gute Bekannte, die für eine Kinderhilfsorganisation arbeitete, welche ich damals gar nicht kannte -,  ob ich mich nicht ein bisschen engagieren könnte. Also hab ich mir das angeschaut, vor allem unter einem Aspekt, den ich sehr wichtig finde: Wie viel von einer Spende geht wohin? Dort gehen in der Regel nie mehr als 20 Prozent in die Verwaltung, das fand ich sehr akzeptabel. Naja, also hab ich mal einen Fernsehspot gedreht, dann noch einen, und so bin ich da immer mehr hineingewachsen. Als unser Engagement dann mit dem Walter-Scheel-Preis ausgezeichnet wurde, fragte der Vorstandsvorsitzende: „Wie wär’s, wenn Sie eine Ulrich-Wickert-Stiftung gründen?“ Ich: “Warum?“, er: „Für Kinderrechte.“, ich: „Das ist eine gute Idee!“  Und so hab ich eigentlich erst durch die Arbeit mit der Stiftung immer mehr gelernt, wie wichtig das Thema ist, und wieviel da weltweit gesehen wirklich noch im Argen liegt.

Die Stiftung vergibt jährlich Preise in verschiedenen Kategorien an Journalisten…

Ja, und vor allem nicht nur an deutschsprachige! In Deutschland gibt es auch Brennpunkte und Einzelfälle, aber doch sehr hohe Standards im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Es ist unglaublich wichtig, dass wir internationale Journalisten auszeichnen und dadurch Aufmerksamkeit schaffen. Gerade haben wir zum Beispiel eine indische Journalistin ausgezeichnet, die für Reuters eine Geschichte geschrieben hat über Zustände, die man einfach Kindersklaverei nennen muss. Da verkauft ein Vater seine Tochter an eine Teeplantage. Für ein paar Dollar! Das Kind sieht die Familie nie wieder. Das ist theoretisch auch in Indien verboten, aber es passiert trotzdem täglich, tausendfach. Sich hier zu engagieren kann nicht nur die Situationen selbst verbessern helfen – es hilft „uns im Westen“ auch, unsere Probleme etwas zu relativieren: Ist es wirklich große Aufregung wert, ob ein deutscher Politiker bei einem Staatsbesuch ein bisschen die Menschenrechtslage anspricht oder nicht? Mich regt viel mehr auf, dass es immer noch ganze Gesellschaften gibt, die im Prinzip auf der Ausbeutung ihrer Kinder basieren!

Sie engagieren sich schon ziemlich lange. Wie sieht Ihr Zwischenfazit aus? Geht es mit großen Schritten voran? Ist das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Naja, ich denke schon, dass die Arbeit von verschiedenen Organisationen etwas mehr als ein Tropfen ist. Aber es geht um viel mehr als Geld, ich will Ihnen ein Beispiel erzählen. Wir haben eine Journalistin aus Ruanda ausgezeichnet, die hatte eine Geschichte geschrieben über die vielen jungen Mädchen dort, die keine Möglichkeit haben, in den Ferien sicher von ihren Schulen nach Hause zu kommen. Kein Geld, keine Autos, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Also stehen die Schlepper und „Sugar-Daddys“ pünktlich am Straßenrand, da passiert alles Mögliche. Worauf ich hinauswill: Die 6000 Euro Preisgeld sind in Ruanda unglaublich viel Geld, na klar. Aber was noch mehr wert ist: die gesamte Presse Ruandas steht da am Flughafen, wenn diese Journalistin wiederkommt! Die hat einen Preis aus Deutschland bekommen! Man kann das gar nicht hoch genug einschätzen, was diese Öffentlichkeit wert ist. Das verändert was! Also ich denke, es geht immer voran in die richtige Richtung. Mit Beschwerden darüber, dass es auch noch schneller gehen könnte, mag ich mich nicht aufhalten.

Herr Wickert, zum Schluss noch eine „Kinderfrage“. Kinder zu beschützen ist keine nette Idee, sondern ein tief verankerter Instinkt. Und dass unsere Kinder unsere Zukunft sind, ist doch völlig logisch. Warum gibt es überhaupt so viele Missstände?

Da sprechen Sie was ganz Wichtiges an. Denn auch wir in Deutschland liegen bei der Beantwortung der Frage „Wie gehen wir mit unseren Kindern um?“ im internationalen Vergleich weit hinten. Warum muss in einem so reichen Land jahrelang über jeden Euro Budget gestritten werden, wenn es zum Beispiel um unsere Kitas geht? Wir brauchen besseres Personal, mehr Personal, mehr Kitas! Wenn ich auf Lesereise gefragt werde, Herr Wickert, was würden Sie machen, wenn Sie mal einen Tag „König von Deutschland“ wären? Ich weiß es sofort: zehn Milliarden mehr in die Bildung!

Da erzählen mir Lehrerinnen, dass Kinder aufs Gymnasium kommen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Ich glaube, in Deutschland haben wir noch so ein bisschen dieses klassisch-bürgerliche Denken, nach dem im Grunde das Elternhaus dafür verantwortlich ist. Aber wir haben viel zu viele Klassen mit viel zu vielen Schülern, und oft spricht die Hälfte der Eltern gar kein Deutsch!

Das muss die Schule machen – und das bedeutet, dass die Schule auch in die Lage versetzt wird, das machen zu können. Klar kostet das Geld! Aber meine Güte, wir sind eins der reichsten Länder überhaupt! Wofür könnten wir es besser ausgeben? Wir haben dieses Jahr Steuerüberschüsse von sechzig Milliarden Euro. Und dann meinen wir, wir können uns das nicht leisten? Das finde ich abenteuerlich, da ärgere ich mich drüber!