Herr Vogel, Sie setzen sich aktiv für die Organspende ein. Wie kam es dazu?

Ich kam das erste Mal mit dem Thema in Berührung, als ich meiner leukämiekranken Schwester Knochenmark gespendet habe. Vor knapp zehn Jahren lernte ich Claudia Kotter kennen – die Initiatorin von Junge Helden. Seitdem unterstütze ich den Verein: Wir gehen auf junge Leute zu, klären sie über Organspende auf, ohne dabei belehrend zu wirken. Wir sagen, setz dich mit dem Thema auseinander. Selbst wenn du „Nein“ sagst, ist es ja gut, dann hat man sich damit auseinandergesetzt und hat eine Haltung.

Für uns ist es eben entscheidend, dass man sich entscheidet.

„Das ist ein beruhigendes Gefühl, das einen über den Tod hinaus verbindet und Sicherheit gibt.“

Würden Sie auch eine Lebendspende machen?

Ja, auf jeden Fall. Wie gesagt, meiner Schwester habe ich ja bereits gespendet, und wenn aus meiner Familie jemand auf eine Niere angewiesen wäre und ich als Spender infrage käme, würde ich es sofort machen.

In Deutschland besitzen noch wenige Menschen einen Organspendeausweis. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Weil wir in der Öffentlichkeit nie mit dem Thema in Berührung kommen. Man muss selbst aktiv werden, um Infos zu erhalten, da passiert es natürlich schnell, dass man das Thema nicht auf dem Schirm hat oder eben auch verdrängt.

Können Sie verstehen, dass das Thema Organspende Menschen Angst macht?

Nein. Zum einen haben wir in Deutschland ein absolut sicheres Organspendesystem, zum anderen ist das Thema Organspende für mich ein klares Statement für das Leben. Ich frage mich auch immer, warum es beruhigender sein soll, von Würmern zerfressen zu werden oder die Organe verbrennen zu lassen. Da ist der Gedanke, dass meine Organe entnommen werden und dadurch andere weiterleben können, doch viel beruhigender und sinnvoller.

„Für uns ist es eben entscheidend, dass man sich entscheidet.“

Sie sagten einmal, dass auch Ihre Kinder einen Organspendeausweis haben. Wie kam es dazu?

Für mich ist es selbstverständlich, dass ich mit meiner Familie über so wichtige Themen wie Organspende spreche. Vielen ist eben gar nicht bewusst, dass es neben der individuellen Entscheidung für oder gegen Organspende auch darum geht, seine Entscheidung seinen Angehörigen mitzuteilen. Letztendlich sind es die Angehörigen, die entscheiden müssen, ob die Organe freigegeben werden oder nicht.

Das Thema gehört also in der Familie besprochen. Das hilft auch beim Abschiednehmen, weil die Hinterbliebenen dann wissen, dass sie genau das tun, was der andere wollte. Das ist ein beruhigendes Gefühl, das einen über den Tod hinaus verbindet und Sicherheit gibt.

Was, wenn alle potenziellen Spender in Deutschland nach ihrem Tod Organe spenden würden?

Dann müssten sicherlich nicht mehr rund 11.000 Patienten auf ein Organ warten und täglich drei Menschen sterben, weil kein Organ gefunden wurde. Natürlich wäre die Differenz zwischen Bedarf und Angebot dann immer noch existent, aber bestimmt nicht mehr so extrem. Das Organspendeaufkommen in Deutschland hat mit 2.989 gespendeten Organen und 864 Organspendern 2014 seinen absoluten Tiefstand erreicht.

Außerdem muss man sich ja auch immer klarmachen, dass in deutschen Krankenhäusern jährlich nur knapp ein Prozent der versterbenden Patienten am Hirntod stirbt. Die Wahrscheinlichkeit, einmal Spender zu werden, ist um ein Vielfaches geringer, als einmal selbst auf ein Organ angewiesen zu sein.

Und was muss passieren, damit die Auseinandersetzung mit der Organspende irgendwann selbstverständlich wird?

Das fängt im Grunde bei jedem selbst an: Wenn sich nicht jeder als Individuum, sondern als Teil einer Gemeinschaft aus Freunden, Familie und Mitmenschen versteht, sind es eben auch Themen wie Organspende, die für uns ganz selbstverständlich werden.

Auf politischer Ebene bin ich für die Widerspruchsregelung, wie sie beispielsweise in Spanien und Österreich praktiziert wird. Das heißt, jeder ist automatisch Organspender, es sei denn, er hat zu Lebzeiten Widerspruch eingelegt. Dadurch wird man aufgefordert, sich einmal im Leben ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen.

In Deutschland denkt sich die Politik bei der Organspende ständig irgendetwas aus, das nicht funktioniert und Millionen kostet. Sie traut sich nicht, mal wirklich durchzugreifen. Gesetze wie die Entscheidungslösung sind nur dazu da, um sagen zu können, man hätte was geändert. Aber wenn man sich die aktuellen Zahlen zur Organspende anschaut, wird ja ganz deutlich, dass diese Art der Gesetzänderung rein gar nichts bewirkt hat. Wie so oft in der Politik.