„Glimpse“ heißt Ihr Projekt, zu Deutsch „Hoffnungsschimmer“. Wem geben Sie Hoffnung?

Wir sind ein wohltätiges Modelabel, mit dem wir seit drei Jahren indischen Mädchen und Frauen, die jahrelang sexuell missbraucht wurden, eine Zukunft geben. Dafür betreiben wir in Mumbai eine Nähwerkstatt. Dort werden zurzeit 14 Frauen zur Schneiderin ausgebildet.

Ein Ziel ist auch die Integration in die Gesellschaft. Wie gelingt das?

Sie erhalten jeden Vormittag Nähunterricht und Nachmittags zusätzlich Schulunterricht. In den anderen vier Stunden bekommen sie Schulunterricht. Diese Frauen kennen keinen geregelten Alltag, weil sie den Großteil ihres Lebens in Bordellen zugebracht haben. Wir bringen ihnen also auch Dinge wie Zeitmanagement oder Behördengänge bei. Wichtig ist ein geregelter Tagesablauf. Betreut werden sie auch von einer Sozialarbeiterin.

Wie entwickeln sich die Frauen?

Sie blühen auf und wachsen zu Persönlichkeiten. Nach drei, vier Jahren Ausbildung gehen die meisten ihren eigenen Weg. Unser Sozialherz jubelt dann. Gleichzeitig verlieren wir natürlich Mitarbeiterinnen.

Warum haben Sie sich für das Thema Mode entschieden?

Eine unserer Gründerinnen, Teresa Göppel-Ramsurn, war praktischerweise Designerin. Wir wollen aber auch aufklären. Mode ist für Botschaften ein guter Träger. Inhalte lassen sich auf Textilien drucken. Jede Frau hat außerdem einen eigenen Stempel, mit dem ihr Produkt versehen wird. Der Käufer findet über dieses Symbol Informationen über die jeweilige Produzentin auf unserer Website.

Die Frauen können schnell bei der Produktion mitmachen. Denn in einer Schneiderei braucht es nur eine mehrwöchige Schulung, um in einfache Produktionsschritte mit einbezogen werden zu können. Nebenbei setzen wir auch in der Textilindustrie ein Zeichen, da sie ebenfalls stark von Ausbeutung betroffen ist.

Den fairen Handel ziehen wir durch die gesamte Wertschöpfungskette, da wir zum Beispiel biologische Stoffe kaufen.

Warum engagieren Sie sich für Frauen in Indien?

Teresa und ich haben in Kambodscha und Thailand einen sozialen Einsatz gemacht. In einer Einrichtung, die ehemaligen Prostituierten nach ihrer Befreiung aus dem Bordell eine erste Anlaufstation bietet. Wir merkten jedoch, dass viele danach nicht integriert werden – und sie wieder auf der Straße landen. Diese Schicksale haben uns angespornt.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich ähnlich engagieren möchten?

Wir sind ziemlich naiv gestartet, weil uns das Thema am Herzen lag. Wir agierten „Learning by Doing“. Ich glaube, das braucht es neben dem Businessplan auch. Aber ein wenig mehr Struktur, Netzwerke und Zielgruppennähe hätten uns zu Beginn nicht geschadet. Gerade im ersten Jahr kämpften wir sehr.

Wie sieht die Zukunft von „Glimpse“ aus?

Natürlich wollen wir wachsen. Es gibt Gespräche, auch in anderen Ländern aktiv zu werden. Wir haben gerade einen Verein gegründet, in dem sich 20 Leute engagieren. Fundraising ist ein weiteres Thema. Wir können die Frauen zurzeit nicht allein über den Verkauf der Mode so umfassend unterstützen.

Welche ähnliche soziale Verantwortung können Privatpersonen und Unternehmen in Deutschland übernehmen?

Wichtig ist, Missstände nicht nur zu beklagen, sondern auch zu beseitigen. Dafür reicht schon ein kleiner Beitrag. Oft ist Bequemlichkeit das größte Problem. Und wer offenen Auges durch die Welt geht, findet genug Ziele für Engagement.

Unsere Leitfrage lautet: „Wie wollen wir leben?“ – Was meinen Sie?

Es geht uns in Deutschland sehr gut und oft haben wir Luxusprobleme. Es gilt, verantwortungsbewusst nicht nur auf uns selbst zu schauen. Gerade beim Konsum sollten wir nicht weggucken, wenn unser Verhalten zulasten anderer Nationen passiert. Aber auch in unserem Land klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter.