Auch im Sozialen wurde es sehr schnell ziemlich fröstelig. Die Pflege alter Menschen, die Erziehung und Betreuung unserer Kinder, Hilfen für Obdachlose, chronisch Kranke oder Flüchtlinge: nichts, was nicht plötzlich einem rendite- und effizienzorientiertem Wirtschaftsdenken unterzogen wurde.

Die Gesetze eines freien Marktes, das Spiel von Angebot und Nachfrage und ein freier Preiswettbewerb sollten es plötzlich auch im Sozialen richten. Pflege wurde unterteilt in „kleine Wäsche“, „große Wäsche“ oder „Hilfe zur Nahrungsaufnahme“, mit Preisen versehen und so zu Markte getragen. 

Der Ausbau der Kindergärten und Kinderkrippen wurde weniger mit der Erziehung der Kinder als vielmehr mit der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf begründet. Wo es dennoch um die Kinder ging, wurden sie umdefiniert zum „Humankapital“ unserer Wirtschaft. Nichts, was nicht unter wirtschaftlichen Mehrwertgesichtspunkten betrachtet und mit volks- oder betriebswirtschaftlichen Kennziffern versehen wurde.

Der volkswirtschaftliche Rückfluss sozialer Leistungen wird penibel berechnet und große Marktplayer taten sich zusammen, um die vermeintlich objektive Wirkung von sozialen Projekten zu bemessen, bevor sie ihre begehrten Spenden leisten. Doch wo alles einer Wirtschafts- und Zahlenlogik unterzogen wird, muss das Menschliche irgendwann zwangsläufig auf der Strecke bleiben.

Eine Gesellschaft wie die deutsche braucht gerade dann, wenn sie auf den Markt setzt, immer auch die ganz andere Logik: des Schenkens statt des Tauschens, der ökonomisch vielleicht ganz und gar unvernünftigen direkten Zugewandtheit, bei der nur noch Mensch und das menschliche Miteinander zählen. Deutschland ist Wirtschaftsstandort. 

Deutschland ist aber vor allem auch Lebensstandort. Wenn eine Gruppe engagierter Damen einen Besuchsdienst in Pflegeheimen organisiert, wenn eine Gruppe chronisch kranker Menschen in wöchentlichen Treffs zusammenkommt, um sich gegenseitig zu stützen und zu beraten, wenn junge Menschen in Verbänden Kinder- und Jugendgruppen leiten oder sich Studentinnen und Studenten in einem Flüchtlingsheim engagieren, dann ist das der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

Es ist die soziale Vielfalt und Lebendigkeit, die unser Sozialwesen ausmachen. Es ist das Engagement dieser Menschen, das ein Gemeinwesen interessant, bunt und lebenswert macht – völlig gleichgültig, wie die ökonomische Wirkung im Einzelnen ausfallen mag. Es geht um den Menschen, der sich nun einmal nicht rechnet. Es geht um mehr Werte, statt immer nur Mehrwert.